Pro-imperialistischer Putsch in Bolivien im Namen der Bibel

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Eine Analyse des CoReP

Klassenkämpfe in Lateinamerika und dominanter Imperialismus

Lateinamerika ist ein Subkontinent mit einer langen Geschichte als Labor von Revolutionen, Konterrevolutionen, Unabhängigkeitskämpfen, verschärften Klassenkämpfen und Staatsstreichen.

Ganz Amerika ist schon lange kapitalistisch. Die Gesellschaft ist in Bourgeoisie, kleinbürgerlichen Klassen und Proletariat geteilt. Natürlich ist die Lohnarbeit nicht die einzige Form der Ausbeutung in Süd- und Mittelamerika, aber die heutige Sklaverei, Leibeigenschaft, Halbpacht, häusliche Arbeit etc. sind den globalen kapitalistischen Produktionsverhältnissen untergeordnet.

1823 definierte die US-Regierung den lateinamerikanischen Subkontinent als ihren „Hinterhof“: die Ausbeutung von allem, was durch bürgerliche Regierungen, die sich als Präfekten einer Kolonie betrachteten, ausbeutbar ist. Infolgedessen ist die Kapitalakkumulation relativ gering, wobei die Überproduktion, die aus der Ausbeutung der Arbeiter und Bauern resultiert, teilweise vom ausländischen Kapital in Beschlag genommen wird. Es gibt jedoch Kapitalisten in der Landwirtschaft, im Handel, im Bankwesen, in den Medien, im Bauwesen, in den verarbeitenden Gewerben etc. Begünstigt durch die Größe des Landes, seiner natürlichen Ressourcen und seiner geographischen Lage konnten einige eine industrielle Basis und sogar große kapitalistische Unternehmen entwickeln, wie z. B. Brasilien, Mexiko, Argentinien.

Die Interessen von ausländischem und inländischem Kapital sind nicht immer gleich und manchmal stehen sie in einem starken Konflikt zueinander. Es ist daher möglich, dass unter günstigen Bedingungen inländisches Kapital mit den Forderungen des ausländisches Kapitals in Konflikt geraten kann. (Trotzki, Diskussion über Lateinamerika, 4. November 1938)

Selbst in diesen Fällen ist die wirtschaftliche und soziale Basis der lokalen Ausbeuterklasse schwächer als die der imperialistischen Länder, was die Instabilität der politischen Regimes und die wiederholte Einmischung der Armee in das politische Leben erklärt.

Die nationale Bourgeoisie ist zwischen zwei Orientierungen hin- und hergerissen:

  1. vor der Fremdherrschaft zu kapitulieren, sich mit einem reduzierten Teil des sozialen Mehrwerts zu begnügen und sich unter den US-amerikanischen Schutz vor den Massen zu begeben;
  2. ihre Unabhängigkeit behaupten, einen größeren Anteil an der Ausbeutung der Arbeiter und Bauern ihres Landes an sich reißen, sich auf eine andere imperialistische Macht stützen (Spanien und die Europäische Union, China…).

Die vorherrschende Orientierung zu einem gegebenen Zeitpunkt in einem bestimmten Staat hängt von den Erpressungsmitteln und dem Grad des Drucks des Yankee-Imperialismus, den imperialistischen Rivalitäten in der Welt, dem jeweiligen Gewicht der Fraktionen der lokalen herrschenden Klasse, ihrem Verhältnis zur Arbeiterklasse und den verschiedenen Zwischenklassen ab.

Letztendlich ist die nationale Bourgeoisie nicht in der Lage, den Imperialismus zu besiegen, weil sie sich weigert,aus Angst um das Eigentum die Volksmassen ihres eigenen Staates zu mobilisieren und zu bewaffnen. Genauso wenig kann sie sich auf das internationale Proletariat stützen, um ihren imperialistischen Gegner zu schwächen.

Die APRA sagt, sie habe kein Interesse daran, mit den Arbeitern der Vereinigten Staaten Hand in Hand zu gehen… Der wahre Grund für diese Haltung ist die Suche nach dem Schutz durch das Weiße Haus. Dies ist kein ideologischer Fehler oder ganz einfach ein Irrtum. Es ist ein politisches Kalkül der nationalen Bourgeoisie Perus. (Trotzki, Diskussion über Lateinamerika, 4. November 1938)

Im 20. Jahrhundert gingen die PRM-PRI in Mexiko, die APRA in Peru, die MNR in Bolivien, die PJ in Argentinien, die FSLN in Nicaragua… vom proklamierten Antiimperialismus und der begrenzten Mobilisierung der Massen zur Verteidigung der bürgerlichen Ordnung und der Suche nach einem Kompromiss mit der hegemonialen Bourgeoisie über. Nur die Arbeiterklasse kann die nationale Unabhängigkeit gewährleisten, indem sie eine Allianz mit den arbeitenden Bauern, den städtischen Arbeitern im informellen Sektor und den Studierenden eingeht.

Nur einmal führte der nationale Kampf zu einer sozialen Revolution, in Kuba von 1959 bis 1961. Castros kleinbürgerlich-nationalistische Bewegung war gezwungen, das Volk zu bewaffnen und das Kapital zu enteignen, um der US-amerikanischen Bedrohung zu widerstehen. Dank des kontinentalen und weltweiten revolutionären Aufschwungs entsteht ein Arbeiterstaat vor der Haustür des mächtigsten Imperialismus, der sich auf die UdSSR stützen kann. Die „IV. Internationale“ von Mandel, Hansen und Moreno schloss sich Castro an, widersetzte sich dem Aufbau einer revolutionären Arbeiterpartei in Kuba und befürwortete die ländliche Guerilla in Lateinamerika. Aber die Usurpation der Macht durch die stalinistische Bürokratie in der UdSSR erleichterte die Bürokratisierung des kubanischen Arbeiterstaates. Guevara verließ die Insel und versuchte vergeblich, den bäuerlichen Guerillakrieg (Focismus) zu wiederholen – zuerst in Kongo-Kinshasa und dann in Bolivien. Der einzige Sieg in der Geschichte der bolivianischen Armee war die Niederschlagung dieser Guerilla 1967 mit Hilfe des Geheimdienstes und der Armee der Vereinigten Staaten.

Die Ermordung von Che und das weit allgemeinere Scheitern der OLAS tragen zur Angleichung Kubas an die UdSSR bei. 1968 ignorierte Castro die revolutionäre Krise in Frankreich, widersetzte sich dem Beginn einer antibürokratischen Revolution in der Tschechoslowakei und weigerte sich sogar, das Massaker an den Studenten in Mexiko zu verurteilen. 1969 unterstützte die Kubanische Kommunistische Partei die Kommunistische Partei der UdSSR gegen die Kommunistische Partei Chinas. Castro trug direkt zum Scheitern der proletarischen Revolution in Bolivien 1971, Chile 1972-1973, Nicaragua 1979-1980 bei, indem er das Prestige der kubanischen Revolution in die Waagschale warf.

Nach der kubanischen Revolution organisierten die Vereinigten Staaten systematisch die Konterrevolution, um ihre Hegemonie in Lateinamerika nicht zu verlieren. Sie unterstützten die Putschversuche der pro-imperialistischen Bourgeoisie und des Generalstabs unter anderem in Brasilien 1964 (Marschall Branco), Bolivien (Oberst Banzer 1971), Argentinien (General Videla 1976), Chile (General Pinochet 1973). Als Folge dieser Militärputsche werden alle Arbeiterorganisationen aufgelöst, zahlreiche Aktivisten gefoltert, getötet, ins Gefängnis gesteckt oder ins Exil getrieben und Südamerika wurde zum Laboratorium für die Anwendung der „neoliberalen“ Politik: Öffnung für ausländisches Kapital, Liquidierung der sozialen Errungenschaften. Die Massen versinken im Elend.

Der Zerfall derIV. Internationale, die Wiedererrichtung des Kapitalismus in Russland und die Schwächung der Arbeiterbewegung erleichterten am Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts das Auftauchen einer neuen Generation von „antiimperialistischen“ bürgerlichen Bewegungen mit einer Volksbasis, die bei den Erben des Stalinismus und mehreren revisionistischer Strömungen des Trotzkismus (grantistische IMT, morenistische UIT, pablistische IV. Internationale) Begeisterung auslösten.

Als die „linkspopulistischen“ Parteien an die Macht kamen (Alianza País in Ecuador, MVR-PSUV in Venezuela, MAS in Bolivien…), glitten sie in Richtung Reaktion ab, was wiederum die Manöver der faschistischen Parteien und der Regierungen in den Vereinigten Staaten (egal ob demokratisch oder republikanisch) begünstigte.

Die revolutionäre Krise in Bolivien ab 2003

Die Provinzen und Regionen Boliviens

Bolivien ist ein ausgedehntes Land (1 Mio. km2), dünn besiedelt (11 Mio. Einwohner), ohne Zugang zum Meer (seit der militärischen Niederlage gegen Chile 1884), arm (das viertärmste auf dem Kontinent). Seine Bourgeoisie ist überwiegend „weiß“ (europäischer Herkunft), während die arbeitende Bevölkerung vor allem in den Anden überwiegend indigen (aus 36 ethnischen Gruppen) ist. Daher die nationale Heterogenität (einerseits waren die indigenen Gemeinden isoliert und verarmt, andererseits akzeptierten die östlichen Provinzen, die reichsten und „weißen“, nicht die Autorität von La Paz), die Instabilität der bürgerlichen Herrschaft: Seit der Unabhängigkeitserklärung 1825 gab es 188 Staatsstreiche in Bolivien.

Das Land ist reich an Ressourcen. Seine Landwirtschaft ist diversifiziert, einschließlich des Anbaus von Koka, dessen Blätter zwar traditionell verwendet, aber auch als Rohstoff für Kokain exportiert werden. 90% des Landes sind im Besitz von 50.000 (weißen) Familien, der Rest verteilt sich auf 3 Millionen Kleinbauern (Indigene). Sojaschrot, das von der Agrarindustrie der Großgrundbesitzer im Department Santa Cruz produziert wird, machte im Jahr 2018 9 % der Warenexporte aus.

Am Ende des 20. Jahrhunderts fanden multinationale Ölkonzerne enorme Gasvorkommen. Derzeit sind mehr als 77% der Exporte des Landes Rohstoffe: 33% Energie, 26% Mineralien (Gold, Zinn, Silber…). Kürzlich wurden die weltweit größten Lithiumvorkommen (ein Metall, notwendig unter anderem zur Herstellung von Batterien: 2 bis 3 g pro Telefon, 20 kg pro Elektroauto… ) entdeckt.“

Von 1990 bis 2002 übernahm die indigene Kleinbourgeoisie die Führung von großen Protestmärschen der indigenen Völker. Die Kokabauern sind mit den Forderungen der Vereinigten Staaten nach Beendigung des Anbaus konfrontiert. 1997 gründete Evo Morales, ein Führer der Kokabauern-Gewerkschaft, die Movimiento al Socialismo (Bewegung zum Sozialismus, MAS), eine Bauernpartei, der sich zunächst Bürokraten aus Arbeitergewerkschaften und ehemalige Politiker der „Linken“, später dann Überläufer aus der „Rechten“ anschlossen. Im Namen des Kultes der Pachamama (der Mutter-Erde-Göttin) nimmt die MAS eine ökologische Haltung ein.

Ihr „Sozialismus“ hat nichts mit der Macht der Arbeiter zu tun. Die MAS, die sich im Gegensatz zu den Parteien präsentiert, ersetzt den Kampf zwischen den Klassen durch die Opposition zwischen „dem Volk“ (Indigene) und „der Oligarchie“ (die angeblich antinational ist). Wenn die MAS gegen die jahrhundertealte Unterdrückung der indigenen Völker Stellung bezieht, will sie sie stattdessen in ewige „Gemeinschaften“ zwängen. Die MAS will die MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario, Revolutionäre Nationalistische Bewegung) ersetzen, die Proletarier indigener Herkunft der einheimischen Kleinbourgeoisie unterordnen, die sich wiederum der nationalen Großbourgeoisie unterordnet.

Die Kuomintang in China, die PRM in Mexiko, die APRA in Peru sind allesamt ähnliche Organisationen. Sie sind die Volksfront in Form einer Partei. (Trotzki, Diskussion über Lateinamerika, 4. November 1938)

Zwischen 2000 und 2005 erlebte Bolivien einen Anstieg des Kampfes der Ausgebeuteten und Unterdrückten (Arbeiter, arme Bauern, Studenten, unabhängige Arbeiter im informellen Sektor usw.). Im Juni 2002 wurde Gonzalo Sánchez de Lozada von der Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR) mit 22,5% der Stimmen zum Präsidenten gewählt, vor Morales (MAS), der 20,9% erhielt. Die MNR gewann die Parlamentswahlen, musste sich aber mangels parlamentarischer Mehrheit mit der Movimiento de Izquierda Revolucionaria (Bewegung der Revolutionären Linken, MIR) verbünden.

Breite Mobilisierungen werden durch einen vom IWF diktierten Plan der MNR-MIR-Regierung ausgelöst, der die Privatisierung öffentlicher Unternehmen, die Ausrottung der Kokapflanzen, Steuererhöhungen, Lohn- und Rentenkürzungen vorsah. Lozadas Entscheidung, die Erdgasfelder an ein Konsortium imperialistischer Ölfirmen zu übergeben, löste den revolutionären Prozess aus. Unbegrenzte Generalstreiks, Straßenblockaden und Massendemonstrationen schließen die Bergarbeiter und das gesamte Spektrum der städtischen Arbeiter unter der Führung der Central Obrera Boliviana (Bolivianische Arbeiterzentrale, COB) zusammen. Massenhaft organisieren sich die armen Bauern, die von der Confederación Sindical Única de Trabajadores Campesinos de Bolivia (Vereinigter Gewerkschaftsverband der Landarbeiter Boliviens, CSUTCB) organisiert werden, welche die soziale und politische Basis von Evo Morales bildet.

Im Februar 2003 erschießt die Armee bei Demonstrationen gegen die Einführung einer Steuer auf Niedriglöhne 34 Personen, mehr als 200 werden verwundet. Im Oktober wurden bei der Niederschlagung der Demonstrationen für die Verstaatlichung von Gas etwa 60 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Die Volksmobilisierung zwingt die Führung der COB, CSUTCB und der Federación de Juntas Vecinales (Föderation der Nachbarschaftskomitees, FEJUVE) in El Alto (einer proletarischen Millionenstadt mit Blick auf La Paz), eine „einheitliche Führung der Bewegung“ zu bilden, die zu einem unbefristeten landesweiten Generalstreik aufruft. Es entstehen Formen der Selbstorganisation und die während der Revolution von 1971 entstandene Volksversammlung wird reanimiert. Im Oktober 2003 verjagten die Massen Präsident Sánchez de Lozada, der in die Vereinigten Staaten floh und die Macht dem Vizepräsidenten Carlos Mesa (MNR) überließ [CoReP, Für eine sozialistische Revolution in Bolivien, 10. Juni 2005].

Aber die Arbeiterklasse an der Spitze der Bewegung und die Volksmassen werden von den Apparaten der COB und des CSUTCB verraten, die zusammen mit der MAS die Mesa-Regierung anerkennen und demobilisieren, wodurch eine politische Lösung ermöglicht wird, der den bürgerlichen Staat wieder einmal rettet.

Im April 2006 postulierte die Spartacist League in den USA (die China immer noch als Arbeiterstaat betrachtet), dass es in Bolivien keine Arbeiterklasse mehr gibt (und damit implizit keine Aussicht auf eine soziale Revolution).

Die Arbeiterklasse ist ebenso wenig verschwunden wie die Bourgeoisie.

Die lateinamerikanische Gesellschaft – wie alle entwickelten oder rückständigen Gesellschaften – besteht aus drei Klassen: der Bourgeoisie, der Kleinbourgeoisie und dem Proletariat. (Trotzki, Diskussion über Lateinamerika, 4. November 1938)

Darüber hinaus spielen die Bergleute trotz des Personalabbaus in jeder revolutionären Krise (1952, 1971, 2003) eine zentrale Rolle. Und das Proletariat beschränkt sich nicht auf die Arbeiter in der Rohstoffindustrie. Die Arbeiterklasse spielt eine soziale und politische Rolle, die weit über ihren Stellenwert in der Statistik hinausgeht. Aber mangels einer Partei konnte sie die Bewegungen nicht zum Sieg führen, anders als in Russland im Oktober 1917.

Historisch haben ihre Parteien den Bankrott erklärt. Die 1926 gegründete Bolivianische Kommunistische Partei verkörperte für die Massen die russische Revolution. Aber nach der Bürokratisierung der UdSSR (1923-1927) und der anschließenden Entartung der Kommunistischen Internationale wurde sie bald stalinistisch. Unter dem 1931 angenommenen Namen PIR gab sie 1941 den nationalen Kampf auf, um die USA und Großbritannien, die damals mit der UdSSR verbündet waren, nicht zu reizen. Dieser Verrat erlaubte es einem Teil der Armee, sich als führende antiimperialistische Kraft zu präsentieren und die antiimperialistische Bourgeoisie (MNR) in den Massen, einschließlich der Arbeiterklasse, zu verankern. Die stalinistische Partei nahm 1950 den Namen PCB an und orientierte sich sklavisch an der MNR.

Ihr kleinerer Rivale, die POR, eine Sektion der IV. Internationale, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter den Bergarbeitern eine Basis schaffen können. Sie zerbrach 1954 auf Grund ihres Opportunismus gegenüber der MNR, der schon 1947 begonnen hatte. Verstärkt wurde der Opportunismus durch das revisionistische Sekretariat der IV. Internationale. Die Mehrheit der POR unter Führung von Hugo Gonzáles Moscóso wird als offizielle Sektion der „IV. Internationale“, die in ganz Lateinamerika vor dem bürgerlichen Nationalismus kapituliert, anerkannt. Nach der kubanischen Revolution, als das „Vereinigte Sekretariat der IV. Internationale“ (Mandel, Hansen, Moreno) castristisch wurde, begann die POR Cobate einen ländlichen Guerillakrieg. In der Revolution von 1970-71 spielte sie keine Rolle.

Auf Seiten der Minderheit schloss sich 1954 eine Fraktion der MNR an. Eine andere Fraktion, die POR unter der Führung von Guillermo Lora, der als Zentralorgan die Zeitung Masas herausgibt, bleibt in der Arbeiterklasse aktiv, hält sich aber vom Kampf zur Rettung der Vierten Internationale fern. ktiv. Aber während des revolutionären Prozesses von 1970-71 kapitulierten die POR-Masas, ebenso wie die PCB (mit Moskau verbunden), die PCB-ML (mit Peking liiert) und die ELN (mit Havanna verknüpft) vor dem „antiimperialistischen“ General José Torres, und ermöglichten so den blutigen Putsch des von der MNR unterstützten Generals Hugo Banzer gegen das desorientierte und entwaffnete Proletariat.

Im Exil halten die PORs an einer Volksfront fest, der Frente Revolucionario Anti-imperialista (Revolutionäre Antiimperialistische Front), die sich zwischen einem Flügel der bürgerlichen Armee um Torres, der MIR (eine Abspaltung von der MNR) einerseits und der ELN, der PCB, der PCB-ML, der POR-Masas und der POR-Combate andererseits gebildet hat. Die POR-Combate löst sich auf. 1982 forderte die POR-Masas die „Bolivianisierung der Armee“ und „eine Armee im Dienste der Arbeiterklasse“. Im Jahr 1985 erhielten ihre Kandidaten weniger als 0,8% der Stimmen.

In Ermangelung einer revolutionären Führung, die in der Lage ist, die Arbeiterklassen zu führen, kapern Evo Morales und die MAS 2003 die Führung der Kämpfe der Bevölkerung, ersticken die Ansätze von Räten und bereiten sich auf ihre Machtübernahme im Rahmen der bürgerlichen Demokratie vor. Um die Volksrebellion in eine bestimmte Richtung zu lenken, ruft die Regierung Mesa vorgezogene Parlamentswahlen (Präsidentschafts- und Parlamentswahlen) für 2005 aus.

Die Wahl des ersten indigenen Präsidenten Boliviens 2005 und die ersten Jahre

Trotz der Kampagne der US-Regierung gegen Morales wurde dieser (mit mehr als 54% der Stimmen) Präsident und die MAS gewann 72 Abgeordnetensitze (von 130).

Wie Hugo Chávez, der 1998 in Venezuela an die Macht kam, präsentierte sich Morales 2005 als „ein bolivarianischer Revolutionär, ein Unterstützer des Sozialismus im XXI. Jahrhundert“. Dies ist das erste Mal, dass ein Indigener Staatsoberhaupt geworden ist. Aber von 1993 bis 1997 (MNR-MRTKL-Regierung) gab es bereits einen indigenen Vizepräsidenten, Victor Hugo Cárdenas. Auf jeden Fall ändert das Alter, die ethnische Zugehörigkeit, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung eines Präsidenten (oder Premierministers) nichts an der Natur des Staates.

Evo Morales nimmt eine bonapartistische Schiedsrichterposition zwischen den arbeitenden Klassen und der Bourgeoisie, zwischen der nationalen und der imperialistischen Bourgeoisie ein.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der die nationale Bourgeoisie versucht, ein wenig mehr Unabhängigkeit vom ausländischen Imperialismus zu erlangen. Die nationale Bourgeoisie ist gezwungen, mit den Arbeitern, mit den Bauern zu kokettieren, und deshalb haben wir den starken linksorientierten Mann. (Trotzki, Diskussion über Lateinamerika, 4. November 1938)

Von 2005 bis 2019 spielt Morales eine entscheidende Rolle für die Kontinuität der kapitalistischen Produktionsweise und des bürgerlichen Staates. Der MAS-Ideologe und Vizepräsident Linera erklärt das schon frühzeitig der Presse:

Die Regierung von Präsident Morales respektiert das Privateigentum, respektiert die Religion, respektiert die Tätigkeit des Unternehmers, garantiert private Bildung… (Garcia Linera, März 2007).

Wie die auf den Einheimischen basierende nationalistische Partei Südafrikas (ANC) 1994 mithilfe der stalinistischen Partei (SACP) und der Führung des größten Gewerkschaftsverbandes (COSATU) den Kapitalismus im Tausch für den Aufstieg einer schwarzen Minderheit aus ihren Reihen in die Reihen der Bourgeoisie gerettet hat, tastet die MAS den Kapitalismus nicht an, sondern schafft eine Bourgeoisie indigenen Ursprungs.

Im Mai 2006 kündigte die Regierung eine ehrgeizige Agrarreform an, die die entschädigungslose Beschlagnahme von unbebautem Land vorsieht. Die Großgrundbesitzer widersetzen sich mit allen Mitteln, angeführt von Reinaldo Diaz (Landwirtschaftskammer von Oriente) und Fernando Camacho (Präsident des Bürgerkomitees von Santa Cruz), einem Kapitalisten und ehemaligen Mitglied der faschistischen UJC.

Im August 2006 berief Morales eine verfassungsgebende Versammlung ein, um die Verfassung von 1967 zu überarbeiten. Die verschiedensten Facetten des „trotzkistischen“ Revisionismus (Pabloisten, Morenist, Grantisten, Cliffisten, Lambertisten…) berufen sich auf die „antiimperialistische Einheitsfront“ und fordern nach wie vor eine konstituierende Versammlung in bürgerlichen Demokratien, während dieses Schlagwort nur in Ländern ohne elementare demokratische Freiheiten, wie China und Indien in den 1930er Jahren, einen fortschrittlichen (radikal-demokratischen) Charakter hat. In anderen Fällen ist diese Forderung eine demokratische Schlinge um den Hals des Proletariats.

Das Schlagwort einer nationalen oder verfassungsgebenden Versammlung behält in Ländern wie China oder Indien seinen ganzen Wert… Die Formeln der Demokratie sind für uns nur vorübergehende oder episodische Schlagworte in der unabhängigen Bewegung des Proletariats, und nicht eine demokratische Schlinge, die von den Agenten der Bourgeoisie um den Hals des Proletariats gelegt wird. (4. Internationale, Übergangsprogramm, 1938)

Da in Bolivien seit 1938 ein Mehrparteiensystem und freie Wahlen in Kraft waren und das allgemeine Wahlrecht 1952 aus Angst vor einer drohenden Revolution gewährt wurde, besteht die einzige Funktion der MAS-Konstituante darin, das Gespenst der Volksversammlung zu beseitigen und den bürgerlichen Staat zu legitimieren. Gemäß Artikel 6 wird die mehrfarbige Flagge, die kurz zuvor von den indigenen Bewegungen in den Anden verwendet wurde, die Wiphala, zum zweiten Emblem des Staates. Die neue Verfassung ist ein wenig säkularer, da das von den spanischen Kolonisatoren aufgezwungene katholische Christentum nicht mehr Staatsreligion ist. Sie nennt das Land „plurinational“, führt die Amtssprachen Aymara, Quechua, Guarani etc. ein, verspricht mehr Autonomie und erleichtert die Abhaltung von Referenden. Sie begrenzt die Präsidentschaft auf zwei Amtszeiten. Sie ändert die Ernennungsmodalitäten für Richter. Aber der Repressionsapparat des Staates (Armee und Polizei) ist intakt (Teil VII) und Artikel 56 garantiert das Privateigentum. Die Regierung reformiert weder das Arbeitsgesetz, noch das Steuer- oder das Erbrecht.

Die Sozialpolitik der indigenen Regierung ist von der Sozialpolitik der Volksfrontregierungen unter Führung der reformistischen PT in Brasilien (2003-2011) inspiriert, während die Industriepolitik eher die der früheren Militärdiktatur im gleichen Land (1964-1985) nachahmt.

Die Regierung hat im Mai 2006 ein Gesetz zur Verstaatlichung des Mineralölsektors verabschiedet. Dies ist eine progressive, aber begrenzte Maßnahme. Die Maßnahme betrifft den Rohstoff, nicht die Tochtergesellschaften ausländischer Konzerne und ihre Anlagen. Der bolivianische Staat ändert die Verträge mit Repsol (Spanien), Total (Frankreich), Exxon (USA), British Gas (Großbritannien), Petrobras (Brasilien) usw. Damit gewinnt sie einen Teil der Bergbau- und Energierente zurück. Die Regierung nutzt sie, um öffentliche Einrichtungen zu verbessern (Straßen, Brücken, Bewässerungssystem, die Seilbahn El Alto-La Paz, das Gasnetz, Schulen, Krankenhäuser…) und den Massen Konzessionen zu machen: Erhöhung des Mindestlohns, Schulgutscheine…

Im Jahr 2007 beschloss der Staat den Bau von zwei Wasserkraftwerken auf indigenem Gebiet (El Chepte, El Bala). Im Jahr 2008 versuchte er, eine Batterieproduktionsfirma (YLB) zu gründen.

Von Mai bis Juni 2008 wandten sich die Gouverneure mehrerer östlicher Departements der politischen Opposition (Beni, Chuquisaca, Pando, Santa Cruz, Tarija) gegen die MAS, indem sie sich auf die nicht gewählten Cívicos (Bürgerkomitees) stützten, die unter der Hegemonie von Großgrundbesitzern und Agrar- und Nahrungsmittelkapitalisten den Widerstand gegen die MAS mobilisieren sollen. Sie führen Referenden durch, um ihre Autonomie zu stärken. Die Regierung antwortet mit einem nationalen Referendum im August, das sie gewinnt (67% der Stimmen), da die Massen gegen die Separatisten und ihre faschistischen Banden mobilisieren. Trotz dieses Ergebnisses versuchten die Gouverneure von Media Luna einen Staatsstreich, indem sie die Proklamierung der Autonomie, die Besetzung der öffentlichen Verwaltungen und die Blockade von Straßen und Flughäfen ankündigten. Am 11. September 2008 wurde eine Gruppe von Bauern auf dem Weg nach Cobija von Handlangern der Pando-Regionalregierung angegriffen und 19 von ihnen ermordet. Aufgrund der Empörung des Volkes gelang es der Zentralregierung, die Ordnung wiederherzustellen. Sie ließ die neue Verfassung im Januar 2009 ratifizieren (61% Pro-Stimmen).

Seit 2009 kapituliert Morales vor der „Oligarchie“

Die MAS an der Spitze des Staates integriert mühelos die „sozialen Organisationen““. Sie finanziert sie und vergibt offizielle Positionen an Führungskräfte als Gegenleistung für ihre Unterstützung. Sie neutralisiert sogar die COB. Als sich dies aber als unmöglich erweist, spaltet sie (CIDOB) oder kriminalisiert sogar Gewerkschafter und indigene Führer, die Widerstand leisten.

2009 spricht Morales von „nationaler Versöhnung“, wie in Südafrika, Chile, Argentinien…

Angesichts des Widerstandes der Großgrundbesitzer verzichtete die Regierung auf ihre Landreform. Im bolivianischen Amazonasgebiet geht die Entwaldung in großem Umfang weiter, mit einer Rate von 300.000 ha pro Jahr. Die so gewonnen Flächen werde für Tierhaltung und vor allem für den Anbau von Sojabohnen für den Export verwendet. Im Dezember erhält Morales bei den Parlamentswahlen 64,2% der Stimmen, 88 Abgeordnete von 130 für die MAS und 26 Senatoren von 36.

Im April 2010, während der Regional- und Kommunalwahlen, stellt die MAS manchmal „rechte“ Politiker wie Luis Flores (Pando) oder Roberto Fernández (Santa Cruz) an die Spitze ihrer Listen. Das Bürgerkomitee von Santa Cruz war bereits 1971 die zivile Stütze des Putschs von General Banzer. Diese Bündnisse werden von den Bauern, die Opfer ihrer faschistischen Banden geworden sind, nur widerwillig aufgenommen.

Im August 2009 genehmigte die Regierung den Bau einer neuen Straße durch indigenes Gebiet und den Isiboro-Secure-Nationalpark, welcher der brasilianischen Kapitalistengruppe OAS anvertraut wurde. Nach Zusammenstößen zwischen der indigenen Gemeinschaft und der Polizei und einem Marsch von 2.500 Indigenas in La Paz im Oktober 2011 sagt Morales das Projekt ab.

Im Dezember 2010 verordnete die Regierung eine Erhöhung der Kraftstoffpreise, gegen die sich der Verband der Straßentransporteure (vor allem die Eigentümer der zahlreichen Busse) und auch der wichtigste Gewerkschaftsdachverband, der COB, der das Regime unterstützt, wehrte. Der Präsident gibt nach.

Mit der kapitalistischen Weltkrise von 2008-2009 sinken die Rohstoffpreise. Zum Ausgleich will der Staat 2011 die exportierten Mengen erhöhen und genehmigt die Ölexploration in 11 der 22 Schutzgebiete. Zwei Organisationen (CONAMAQ, CIDOB) ziehen sich aus dem Pacto de Unidad de los Organizaciones Indígenas (Pakt der Einheit der indigenen Organisationen), der die MAS unterstützt, zurück.

2012 wurden die Löhne der Polizisten um 20 % erhöht.

Im Mai 2013 beschließt die Regierung eine Änderung der Renten der Lohnabhängigen. Dem widersetzt sich ein Bergarbeiterstreik für höhere Renten. Die Regierung schickt die Polizei. Hunderte von Bergarbeitern, Industriearbeitern, Gesundheits- und Bildungspersonal werden niedergeknüppelt und angezeigt. Mit der Gewerkschaftsführung der COB wurde ein Kompromiss erzielt.

Im Jahr 2014 ernennt die Regierung den ehemaligen Präsidenten Mesa (2002-2005), der bekanntermaßen mit den Vereinigten Staaten liiert ist, zum offiziellen Sprecher Boliviens bei seiner Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, um von Chile Zugang zum Meer zu fordern. Ein Gesetz, das Kinderarbeit ab dem 10. Lebensjahr gestattet, wird verabschiedet.

Mittlerweile wird der Außenhandel defizitär, so wie vor der Verstaatlichung der Erdöl- und Gasförderung.

Morales steht 2014 am Ende der beiden aufeinander folgenden Amtsperioden (2005, 2009), die in der Verfassung von 2009 vorgesehen waren. Das Verfassungsgericht entscheidet, dass diese Regelung erst nach ihrer offiziellen Verkündung gilt, so dass Morales das Recht hat, sich für eine weitere Amtszeit zur Wiederwahl zu stellen.

Vor den Parlamentswahlen kämpfen Morales und die MAS nicht mehr mit antiimperialistischer und antiliberaler Rhetorik, sondern unter der Losung eines „guten Managements“: „Con Evo, vamos bien“ („Mit Evo geht es uns gut“). Unter den Kandidaten der MAS gibt es eine neue, von der Opposition kommende, Welle: Carlos Subirana und Muriel Cruz (Santa Cruz), Francisco Navajas und Neila Lenz (Tarija), Milton Barón (Chuquisica). Umgekehrt brechen ehemalige MAS-Anhänger mit der Partei, um gegen sie anzutreten: Fernando Vargas (Partido Verde) und Juan del Granado (MSM). Morales gewinnt mit 61,4% der Stimmen und die MAS erreicht 88 von 130 Abgeordneten, 25 von 36 Senatoren. Allerdings bröckelt die Wählerschaft in ihren Hochburgen ab (La Paz, Oruro, Potosi). Samuel Doria Medina erzielt 24,2% der Stimmen und seine UD, die wichtigste bürgerliche Oppositionskoalition, 32 Abgeordnete. Granado bekommt nur 2,7% und Vargas 2,6% der Stimmen.

Im Jahr 2015 verkürzt der Staat die Zeit für die Konsultation der indigenen Völker über die Ausbeutung der Bodenschätze in den 22 Schutzgebieten auf 45 Tage, statt 90 Tage, wie 2007 beschlossen wurde. Vier Rekruten werden in Kasernen getötet, die Verantwortlichen werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Seit 2004 wurden 55 homosexuelle Menschen ohne jede Verurteilung der Täter ermordet.

Im Februar 2016 fordert Morales in einer Volksabstimmung das Recht, einviertes Mal zu kandidieren. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), ein internationales Gremium unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten, billigt die Vorbereitung des Referendums, weil sie keine Angst vor Morales hat. Bei einer Beteiligung von über 84% verliert er mit 51,3% Nein-Stimmen, was die Unzufriedenheit der Bevölkerung widerspiegelt. Entgegen dem Abstimmungsergebnis entschied das Verfassungsgericht am 28. November 2017, die Begrenzung der Amtszeit des Präsidenten abzuschaffen.

Im Juni 2018 besucht Xi Jinping Bolivien, das sich offiziell den „Neuen Seidenstraßen“ anschließt, einem imperialistischen Projekt, das in Widerspruch zu den Interessen von Chinas amerikanischem Rivalen steht. China wird der wichtigste Handelspartner Boliviens vor Brasilien (18% des Handelsvolumens im Jahr 2018) und sein wichtigster Gläubiger. Im selben Monat weiht Morales einen neuen 12-stöckigen (120 m hohen) Präsidentenpalast mit Blick auf das historische Zentrum von La Paz ein. Er würde zwei Etagen für das Staatsoberhaupt umfassen, darunter eine 1.000m2 große Wohnung mit privatem Aufzug, Whirlpool, Sauna, Fitnessstudio und Massagesalon.

Im Dezember 2018 gratuliert der IWF Bolivien.

Im August 2019 ging die Regierung eine Partnerschaft mit der chinesischen Kapitalistengruppe Xinjiang TBEA ein, um die Lithiumvorkommen von Coipa und Pastos auszubeuten und Batterien zu produzieren… in China.

Im September 2018 werden durch Brände mehr als drei Millionen Hektar des Landes verwüstet.

10. November 2019: ein von der Armee inszenierter Staatsstreich und die Folgen

Laut Verfassung gibt es zwei Möglichkeiten, im ersten Wahlgang gewählt zu werden: entweder mit mehr als 50% der Stimmen oder mit einem Abstand von mindestens 10% zum nächstplatzierten Kandidaten.

Im Oktober 2019 kandidierte Carlos Mesa, der 2014 von der MAS-Regierung wieder in den Sattel gehoben wurde, bei den Parlamentswahlen gegen Morales. Nach den ersten Ergebnissen, die am 20. Oktober bekannt gegeben wurden, liegt Morales an der Spitze (45%), aber nicht weit genug vorn, um in der ersten Runde gewählt zu werden (Mesa hat fast 38%). In der Nacht vom 20. auf den 21. gingen Demonstranten gegen dieses erste Ergebnis, das von der Europäischen Union (EU) und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) angefochten wurde, auf die Straße. Mit anderen Worten, die westlichen imperialistischen Mächte, die Morales von 2005 bis 2019 geduldet hatten, fühlen nun, dass er beseitigt werden muss. So wie sie 2009 der Armee geholfen haben, Zelaya in Honduras zu stürzen, Präsidentin Rousseff 2016 in Brasilien aus dem Amt zu entfernen [CoReP, Brasilien: Einheitsfront der Arbeiter und Selbstverteidigung gegen den faschistischen Präsidenten und den Generalstab! 5. November 2018]; wie sie im Januar 2019 vergeblich versuchten, den durch die Wirtschaftsdepression geschwächten PSUV-Präsidenten in Venezuela zu stürzen [CoReP, Imperialisten, Hände weg von Venezuela! 26. Januar 2019].

Am 24. Oktober wurden die endgültigen Ergebnisse verkündet: Der ehemalige Präsident wird mit 10,57% Vorsprung (47% der Stimmen für Morales, 36,5% für Mesa) wiedergewählt, ohne dass ein zweiter Wahlgang erforderlich ist. Ob zu Recht oder zu Unrecht – die Mehrheit der Bevölkerung traut dem Ergebnis nicht. Auf der Straße treffen die Anhänger Morales‘, die in der Bauernschaft weiterhin eine wichtige Rolle spielen, auf seine Gegner, auch auf die aus den arbeitenden Schichten. Selbst in El Alto (1 Million Einwohner), der Hochburg des Aufstandes von 2000-2005, scheint die Bevölkerung gespalten zu sein. Die Bürgerkomitees, die die Bewegung anführen, sind heterogen, aber die meisten stehen unter der Kontrolle von Landbesitzern und Kapitalisten. Das Komitee in Santa Cruz, dessen Präsident Camacho ist, mobilisiert christlich-faschistische Banden, die aus reichen und unterprivilegierten Studenten bestehen. Andere Führer sind Indigene, wie Marco Pumari, Präsident des Bürgerkomitees von Potosi. Polizeibeamte, die meisten von ihnen Indigene, meuterten und rissen die Wiphala aus ihren Uniformen. Morales forderte das Militär auf, die Ordnung wiederherzustellen und ein Schiedsverfahren der OAS.

Bewaffnete Banden greifen die Häuser von Morales und anderen MAS-Führern an und bedrohen ihre Familien. Camacho (Bürgerkomitee von Santa Cruz), trägt in der einen Hand eine Pistole und in der anderen eine Bibel. Am 10. November entschied die OAS, dass Neuwahlen abgehalten werden sollten. Camacho kniet vor dem Präsidentenpalast vor einer Bibel auf einer bolivianischen Flagge und erklärt, er wolle „Gott zurück in den Präsidentenpalast bringen“. Ebenfalls am 10. November forderte die Bürokratie des wichtigsten Gewerkschaftsverbandes, der Central Obrera Boliviana (COB), Morales auf, „wenn nötig zurückzutreten, um das Land zu befrieden“. Am selben Tag befahl der Oberbefehlshaber der Armee, Williams Kaliman, „dem Präsidenten des Staates, sein Präsidentschaftsmandat aufzugeben, um die Befriedung und die Aufrechterhaltung der Stabilität zu ermöglichen.“

Am Abend des 10. November gehorchte Morales dem Generalstab und trat zusammen mit Vizepräsidentin Linera und den Präsidenten (MAS) der Abgeordnetenkammer und des Senats, deren Familien bedroht wurden, zurück. Mesa begrüßt „das Ende der Tyrannei“. Die venezolanische Botschaft wird angegriffen. Die rassistische Vizepräsidentin des Senats, Jeanine Áñez (Movimiento Demócrata Social), kündigt mit der Bibel in der Hand an, dass sie die Funktion der Präsidentin übernehmen wird.

Am 11. November demonstrierten Tausende von Bauern, unter anderem in La Paz und El Alto, gegen den Putsch. Morales fordert die Beschäftigten im Gesundheits- und Bildungswesen auf, den Streik zu beenden.

Am 12. November gehen Morales und Linera ins Exil in Mexiko, christlich-faschistische Banden besetzen den Präsidentenpalast und verbrennen die Wiphala. Áñez proklamiert sich auf dem Balkon des Palastes zur Präsidentin, der Faschist Camacho an ihrer Seite. Am 13. November erkennt die US-Regierung Áñez als Präsidentin an. Am 14. setzt sie eine Regierung ein, die einen Eid auf die Bibel ablegt. Tausende von Arbeitern marschieren von El Alto zum Präsidentenpalast in La Paz und schwenken die Wiphala, um den Staatsstreich anzuprangern und den Rücktritt von Añez zu fordern. Tausende von Mitgliedern der Lehrergewerkschaft der ländlichen Schulen in der COB nehmen daran teil. Ihr Anführer, Andrés Huayta Álvarez, hat keine Skrupel, der Presse zu erklären, dass er, obwohl er an der Spitze der Demonstration steht, die Dinge einfacher machen will: „Natürlich erkenne ich die Legitimität von Áñez nicht an; trotzdem verlange ich nicht ihren Rücktritt. Schließlich handelt es sich um eine Übergangsregierung“ (Jornada-on-line, 13. November 2019).

Am 15. November tötet die Polizei neun Bauern, die in Cochabamba an einer Demonstration teilnahmen. Am 19. November beendet die Armee die Blockade der Fabrik von Senkata (El Alto), was zehn Todesopfer fordert.

Unseres Wissens nach behaupten zwei Organisationen, dieVierte Internationale „wiederaufzubauen“. Wie die bolivianische bürgerliche Presse behauptet auch die Gruppe, die den Namen POR übernommen hat, dass es keinen Staatsstreich gegeben hat. Sie setzt MAS und die Faschisten gleich.

Die Menschen in La Paz, El Alto und anderen Städten des Landes haben vor dem Ansturm der wütenden MAS-Horden und der Lumpen Schreckensszenen erlebt, indem sie alle Arten von Vandalismus unter Rufen wie ‚Wir wollen den Kopf von Mesa und Camacho, ‚Jetzt, ja jetzt: Bürgerkrieg!‘ mit ansehen mussten. Evo ist zurückgetreten und nach Mexiko geflohen, aber er hat seine Niederlage teuer verkauft und eine Spur der Zerstörung und des Blutes hinterlassen. (Masas [Organ der POR 9, 15. November 2019)

Die LOR-CI, die von Abgesandten der argentinischen PTS gegründet wurde, schlägt… eine neue verfassungsgebende Versammlung vor.

Wir, die LOR-CI, haben uns für die Überwindung der auf den Rahmen des bestehenden politischen Regimes beschränkten Ziele der Bewegung eingesetzt und folglich für die Wiedereröffnung des Verfassungsprozesses zur Durchsetzung einer wirklich freien und souveränen Verfassungsgebenden Versammlung. (La Izquierda, 17. November 2019).

Die UNO, die EU und die katholische Kirche fungieren als Vermittler zwischen der „provisorischen Regierung“ der Putschisten auf der einen Seite, der MAS (die immer noch eine Mehrheit im Parlament hat) und den „sozialen Organisationen“ auf der anderen Seite. Am 23. November kündigten die putschistische Präsidentin Añez und Vertreter aller Parlamentsparteien in Anwesenheit des Generalstabs ein Abkommen zur Durchführung von Neuwahlen an: das Ley de Regimen excepcional y transitorio (Gesetz der Sonder- und Übergangsregelungen). Die MAS akzeptiert, dass Morales von der Kandidatur ausgeschlossen ist. Die Arbeiter- (COB) und Bauerngewerkschaften (CSUTCB), die indigenen Verbände (CIDOB, CONAMAQ, CSCIOB) und die Frauenverbände (CNMCIOB) setzen sich für die Demobilisierung und Beendigung der Straßensperren ein. Am 26. November wurden die Barrikaden von El Alto beseitigt. Insgesamt gibt es 32 Tote und mehr als 700 Verletzte.

Am 29. November kündigte der Faschist Camacho, der immer gesagt hatte, dass er nur losgelöst von Parteien und Wahlen agieren würde, seine Kandidatur für die Präsidentschaft an. Am 16. Dezember fordert Morales eine UN- und päpstliche Wahlmission zur Überwachung der Wahlen im Jahr 2020. Am 31. Dezember kündigte Pumari in Anwesenheit von Camacho an, dass er als Kandidat für die Vizepräsidentschaft sein Partner bei den Präsidentschaftswahlen sein wird. Trotz der Übergabe einer Tonaufnahme durch Camacho an die bolivianische Presse, wo Pumari 250 000 Dollar für die Unterstützung seiner Präsidentschaft forderte.

Der ehemalige Bürgermeister von Santa Cruz soll laut einer geleakten Audioaufnahme250.000 Dollar für die Kandidatur von Marco Pumarif bei den nächsten Wahlen bezahlt haben. (Opinión vom 8. Dezember 2019)

Für Klassenunabhängigkeit und permanente Revolution

Der Platz der Kommunisten war am 10. November an der Seite der Arbeiter und Studenten, der Anhänger von Morales gegen die Erhebung des Generalstabs, meuternde Polizisten, reaktionäre Politiker und faschistische Banden, die von den amerikanischen und europäischen Plündererstaaten unterstützt wurden.

Wir stehen in ständigem Wettbewerb mit der nationalen Bourgeoisie als der einzigen Führung, die in der Lage ist, den Sieg der Massen im Kampf gegen die ausländischen Imperialisten zu sichern… In allen Fällen, in denen sie sich direkt den ausländischen Imperialisten oder ihren faschistischen reaktionären Agenten entgegenstellt, geben wir ihr unsere revolutionäre Unterstützung, wobei wir die Unabhängigkeit unserer Organisation, unser Parteiprogramm und unsere volle Freiheit der Kritik bewahren. (Trotzki, Diskussion über Lateinamerika, 4. November 1938)

Es ist aber zu beachten, dass 2003 Hunderttausende von Demonstranten gegen die MNR-Regierung waren; 2019 unterstützten nur einige Tausend die MAS-Regierung, weil die Politik der privilegierten kubanischen Bürokratie, die Politik der reformistischen Parteien wie Brasiliens PT, Chiles PS und PCC, der nationalistischen Cliquen, die von der MAS, der PSUV, der FSLN, der PJ verkörpert werden, dem lokalen und globalen Kapitalismus in die Hände spielen.

Die einzige Kraft, die in der Lage ist, den US-Imperialismus und die lateinamerikanische Bourgeoisie zu besiegen, ist die Arbeiterklasse. Trotz des Putsches wird sie nicht zerschlagen. Das letzte Wort gehört dem Proletariat Boliviens, vorausgesetzt, es kann, seine eigene Partei gründen.

Vor allem müssen alle Arbeiter-, Bauern- und Studentenorganisationen, angefangen beim COB, mit allen Fraktionen der Ausbeuterklasse brechen und ein Aktionsprogramm folgender Art beschließen :

  • Lasst alle politischen Gefangenen frei! Bestrafung für die Massaker an den Arbeitern und Bauern! Verteidigung der demokratischen Freiheiten, einschließlich Morales‘ Recht zu kandidieren!
  • Umsetzung des Gesetzes von 2013 gegen Gewalt gegen Frauen! Sexualerziehung, kostenlose Verhütung und Abtreibung!
  • Schutz der Gesundheit der Bergleute und der den Abbaugebieten benachbarten Bevölkerung! Stoppt die Abholzung des Amazonasbeckens!
  • Höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten! Kostenlose Bildung und Gesundheit! Öffentliche Verkehrsmittel und gute, günstige Wohnungen!
  • Enteignung von Großgrundbesitz, Fabriken, Minen, Banken, Telekommunikation, Massenmedien, privaten Universitäten… unter Arbeiter- und Volkskontrolle!
  • Vollständige Trennung von Religion und Staat! Keine Subventionen an irgendeine Religionsgemeinschaft in irgendeiner Form!
  • Gegen faschistische Angriffe und gegen die repressiven Kräfte des Staates, Bildung von Selbstverteidigungskomitees und Volksmilizen! Aufruf an Unteroffiziere und Chargen, die Kasernen zu verlassen und sich der Volksmiliz anzuschließen! Entwaffnung und Auflösung der Polizei und der Berufsarmee!

Gegenwärtig leiden alle Organe des bürgerlichen Staates in Bolivien (Regierung, Justiz, Parlament, Polizei, Armee) unter einer Legitimationskrise. Um diese ausnutzen zu können, müssen sich Arbeiter, Bauern, werktätige Frauen, prekäre Arbeiter in den Städten und junge Menschen in Ausbildung mobilisieren, um Organe der Selbstorganisation aufzubauen, die zu einer demokratischen und repräsentativen Volksversammlung der kämpfenden Massen im ganzen Land als Alternative zur putschistischen Regierung führen. Indem sie sich bewaffnen, werden die Ausgebeuteten und Unterdrückten in der Lage sein, den Räten (Sowjets) die Macht zu übergeben, eine Arbeiter- und Bauernregierung zu errichten und den Weg für die Sozialistische Föderation von Amerika zu ebnen.

Diese Analyse ist auch als Broschüre bei den Genoss_inenn der GKK erhältlich:

Kommunistische Hefte 2, Pro-imperialistischer Putsch in Bolivien im Namen der Bibel, 2,– EUR