Die aktuelle Krise ist der explosive Höhepunkt eines sechs Monate alten Konflikts zwischen der neuen, reaktionären Regierung unter Rodrigo Paz und der bolivianischen Arbeiter*innen- und Indigenenbewegung.
Schwere ökonomische Krise, wachsende Verelendung
Um die Wut zu verstehen, muss man die brutale Realität im Alltag der Menschen sehen. Rodrigo Paz – verächtlich „Pollo Paz“ („Hähnchen“) genannt – trat mit populistischen Versprechungen von Sozialleistungen und Subventionen an, nur um nach seinem Amtsantritt eine liberale Schocktherapie einzuleiten, die selbst die dunkelsten Tage der 1980er Jahre in den Schatten stellt. Als „bolivianischer Milei“ agiert er als direkter Statthalter der „K’ara-Burguesía“ – jener weiß-dominierten Elite, die das Land seit Jahrhunderten auspresst. Statt der versprochenen Besserung der Situation verschärfte seine Politik die Not der Bevölkerung massiv:
Kaufkraftverlust: Die jährliche Inflationsrate erreichte im April nach offiziellen Angaben 20%. In Wirklichkeit haben siech die Preise für den „Warenkorb der Familien“, also der arbeitenden Menschen, verdoppelt. Die Menschen berichten, sie müssten sich entscheiden, ob sie Fleisch oder Milch kaufen. Ein 43-jährige Bewohnerin von La Paz sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Uns bleibt fast nichts mehr, es ist unmöglich, auch nur ein Ei zu finden“. Rindfleisch verteuerte sich pro Kilo von ca. 45 Bolivianos (Bs) auf aktuell bis zu 95 Bs, Speiseöl pro Liter von ca. 13 Bs auf aktuell bis zu 26 Bs.
Private Plünderung der Rohstoffe: Die Regierung treibt ein Gesetzespaket voran, das strategische Sektoren wie Erdgas, Bergbau und vor allem Lithium für privates, auch ausländisches Kapital öffnet.
Die erste Eruption: Der Kampf um die Subventionen im Dezember 2025
Kaum im Amt, tat Präsident Rodrigo Paz Pereira das, wofür sein bürgerlicher Unterstützerkreis ihn bezahlte: Er dekretierte die sofortige Streichung der staatlichen Treibstoffsubventionen. Über Nacht verdoppelten sich die Benzinpreise. Für die verarmten Massen Boliviens, die ohnehin unter einer galoppierenden Inflation und chronischem Dollar-Mangel litten, war dies ein direkter Schlag ins Gesicht.
Die Folge war ein sofortiger, explosionsartiger Massenprotest. Unter der Führung der Transportarbeiter*innen, denen die Existenzgrundlage entzogen wurde, weitete sich der Widerstand rasant aus. Ihnen schlossen sich die Bergarbeiter*innen, die Lehrer*innen, die Fabrikarbeiter*innen anderer industrieller Sektoren und die indigenen Organisationen an. Der Gewerkschaftsdachverband Central Obrera Boliviana (COB) rief zu einem nationalen Streik auf. Einen Monat lang waren Großstädte wie Cochabamba und Santa Cruz teilweise lahmgelegt, die Versorgungsketten zerrissen.

Aber die COB-Führung, tief verstrickt in den bürgerlichen Staat, war nicht bereit, die Dynamik der Massen für einen politischen Umsturz zu nutzen. Statt den Kampf um die Losung des Sturzes der Regierung zu erweitern, verhandelte sie. Das Ergebnis war ein fauler Kompromiss: Das Subventionsdekret wurde formal zurückgenommen, aber durch ein neues System fester Marktpreise faktisch bestätigt. Im Gegenzug gab es eine einmalige, magere Lohnerhöhung um 20 Prozent und eine minimale Aufstockung der Renten. Der Zorn der Massen wurde kanalisiert, die Führung rief zur Rückkehr an die Arbeit auf – die erste große Niederlage war besiegelt.
Der Kompromiss hielt nicht. Die Teuerung fraß die mickrigen Lohnerhöhungen binnen weniger Wochen auf. Die Regierung Paz, ermutigt durch die Nachgiebigkeit der Gewerkschaftsbürokratie, setzte ihre Angriffe fort. Pläne zur Abschaffung von Arbeitsschutzgesetzen, zur Privatisierung der strategischen Bergbau- und Energiebetriebe und zur weiteren Aushöhlung des Bildungs- und Gesundheitssektors wurden vorangetrieben.
Das Fass zum Überlaufen brachte das berüchtigte Landgesetz 1720. Dieses Gesetz, maßgeschneidert für die Agraroligarchie, erlaubte die Auflösung von gemeinschaftlichem Indigenen-Land und dessen Übernahme durch Agrobusiness-Interessen. Für die bäuerliche Bevölkerun war dies die Rückkehr zu den Zuständen von vor der Revolution von 2005.
Am 8. April setzten sich Dutzende indigene Organisationen aus der Amazonasregion Pando Richtung La Paz in Bewegung. Diese Sternmarsch, ein Echo der historischen „Märsche für Territorium und Würde“, wurde zum Katalysator. Unterwegs schlossen sich Student*innen, Kommunalbedienstete, Lehrer*innen und Rentner*innen an. Gleichzeitig führten die Beschäftigten im Gesundheitswesen des Landes einen 24-stündigen Warnstreik durch, der gegen Entlassungen und den Zusammenbruch der Kliniken protestierte. Am 31. März umstellten Tausende Arbeiter*innen den Regierungspalast – die Stimmung kippte von Zorn zu revolutionärer Ungeduld.
Der „Generalstreikaufruf“ der COB
Die COB rief am 1. Mai zum unbefristeten Generalstreik auf. Er wird von einem breiten Bündnis unterstützt:
- Bergarbeiter*innen (das traditionelle Herz der bolivianischen Arbeiter**innenbewegung)
- Bauern und indigene Gemeinschaften
- Lehrer und Transportgewerkschaften
- Nachbarschaftsorganisationen
Am 1. Mai, dem historischen Kampftag der Arbeit*erinnen – fand in der Arbeiter*innenstadt El Alto eine „Offene Versammlung“ (Cabildo Abierto) statt, das von der COB einberufen wurde. Der Druck von unten war so immens, dass die Führung nicht mehr ausweichen konnte. Vor Zehntausenden verkündete die COB für den folgenden Tag, den 2. Mai, den unbefristeten Generalstreik. Die Forderungen waren ein Aktionsprogramm für den Kampf: 20 Prozent Mindestlohnerhöhung, Kürzung der Diäten der Regierungsbonzen um die Hälfte, Steuersenkungen für Kleinunternehmer, Stopp aller Privatisierungen – und in der Luft lag die eigentliche, alles überschattende Forderung: Paz muss weg!
Präsident Paz antwortete am selben Tag auf seiner eigenen Kundgebung in Cochabamba mit arroganter, offener Verachtung für die Arbeiter*innenklasse: „Wenn ihr höhere Löhne wollt, müsst ihr zuerst mehr arbeiten“ .
Der Streik breitete sich aus wie ein Flächenbrand. Blockaden legten die Zufahrtswege nach La Paz lahm – die Hauptstadt wurde von der Außenwelt abgeschnitten. Die städtischen Transportarbeiter*innen legten die Buslinien still. Die COB rief einen „Pakt des Nicht-Verrats“ mit den protestierenden Massen aus. Doch bereits hier zeigte sich die tiefe Spaltung zwischen der streikenden Basis und der Bürokratie. Aus gutem Grund verlangten die Arbeiter*innen und Bäuer*innen, dass sich die Führungen ihrer Organisationen darauf festlegen mussten, keine Separatverhandlungen mit der Regierung zu führen.
Aus der Perspektive selbst der reformistischen Arbeiter*innenorganisationen ist die Forderung klar – nicht nur Lohnerhöhungen, sondern ein kompletter Regierungswechsel. „Unsere einzige Forderung ist der Rücktritt des Präsidenten, wegen dessen Unfähigkeit, die strukturellen Probleme des Landes zu lösen“, so COB-Generalsekretär Mario Argollo.
Die COB – Organ der Doppelmacht?
In einem Interview mit einem Leitungsmitglied der bolivianischen MST (Sektion der Internationalen Sozialistischen Liga/ISL, in Österreich vertreten durch den Arbeiter*innenstandpunkt), Juan José Villa, zeigen sich deutlich die Schwächen jener Organisationen, die von ihrem Anspruch her den vorrevolutionären Massenprotest weitertreiben sollten.

So erklärt Villa :
Im Dezember 2025 beschloss die COB-Versammlung unter dem Druck der Basis und an der Spitze des Bergarbeiterproletariats einstimmig einen unbefristeten Generalstreik zur Aufhebung des Dekrets Nr. 5503. Der Kampf gipfelte im Januar 2026 in einem überwältigenden Sieg. Das Bündnis aus Arbeitern, Bauern und dem Volk wurde gebildet. Das Dekret der proimperialistischen Regierung wurde zunichte gemacht. Die COB war nicht mehr nur eine einfache Gewerkschaft, sondern wurde zu einem Organ der Doppelherrschaft. Die Massen waren der Ansicht, dass es möglich sei, noch weiter zu gehen; dass die Kräfte nicht nur ausreichten, um ein Dekret aufzuheben, sondern dass es möglich sei, die gesamte Regierung mit revolutionären Mitteln zu stürzen. (https://lis-isl.org/pt/2026/05/bolivia-todo-o-poder-a-cob-e-organizacoes-camponesas-e-populares-em-luta/)
Gleich im nächsten Absatz heißt es dann:
Die neue COB-Führung ordnete jedoch die Aufhebung der Blockaden an. Dies sorgte für Unbehagen, insbesondere in der bäuerlichen Basis. Die COB-Führung versorgte die Regierung mit reinem Sauerstoff. Das heißt, Rodrigo Paz wurde nicht mehr von seinen eigenen Kräften gestützt, sondern durch die Unterstützung einer antagonistischen Klassenorganisation, der COB.
Die COB, also „nun ein Organ der Doppelherrschaft“, betätigt sich also in der Bewegung im Dezember 2025 plötzlich als Streikbrecher… Dass das zu „Unbehagen“ an der Basis führt, ist wohl verständlich.
Die Führung der COB ist aus einem Prozess hervorgegangen, in dem man sich von den Führungen der Masisten, Arcisten und Evisten losgesagt hat, die die Arbeiterbewegung jahrelang demobilisiert hatten. Dieser Prozess ging von der Basis des Bergarbeiterproletariats aus. Es ist nicht dieselbe Führung wie zuvor. Daher fordern die Massen sie auf, die Führung in den Kämpfen zu übernehmen. Ein ähnlicher Prozess entstand in der Bauernbewegung innerhalb der Central Sindical Única de Trabajadores Campesinos de Bolivia (CSUTCB) und der Federación Túpaj Katari, die nach neuen Führern suchten und eine neue Etappe der Kämpfe einläuteten, indem sie das Hindernis der MAS überwanden.
Der Einfluss der Kaderschulen der MAS, der Partei, die 20 Jahre lang regierte, ist mit der Unterstützung der Kommunistischen Partei und dem kleinbürgerlichen Indigenismus von García Linera nach wie vor präsent, was die versöhnlichen Praktiken gegenüber Paz erklärt, die im Januar zur Aufhebung des unbefristeten Streiks führten.
Die bolivianische Revolution sah jedoch objektiv vor, mit diesen Praktiken zu brechen, und die Basis drängte die Führer dazu, den Nicht-Verratspakt zu unterzeichnen.
Es ist die Pflicht der derzeitigen Führung, die Doppelherrschaft zum Sieg zu führen. Dies bedeutet die Regierung der COB und der kämpfenden Bauern- und Volksorganisationen. Das konkrete Bündnis, das an der Spitze der COB entstanden ist, muss regieren. Es gibt keinen Platz für die Nachfolge von Vizepräsident Lara oder das oligarchische Parlament und den Gerichtshof, wenn es um eine Revolution geht.
Argollo (COB), Paye (FSTMB), Salazar (Túpaj Katari), Severo (CSUTCB) und Führungskräfte von Fejuves und Volkssektoren sind alle entschlossen, die Arbeiterklasse mit revolutionären Mitteln zur Eroberung der Macht zu führen.
„Sind die Gewerkschaftssektoren vertreten?“, fragt der Interviewer seinen bolivianischen Genossen. Der antwortet:
Die CSUTCB und all ihre Bauernverbände, Túpaj Katari und alle Ponchos Rojos der 20 Provinzen von La Paz, die militante FEJUVES von El Alto, die freien, interprovinziellen und städtischen Transportverbände (sie treten gestaffelt bei), die Verbände der Gewerkschafter und Handwerker; Fabrikarbeiter an der Spitze der CGTFB, unter anderem – ich werde mit der Antwort nicht auskommen. All diese Sektoren sind der Central Obrera Boliviana angeschlossen, einer Organisation der Doppelherrschaft, die von den Lohnarbeitern im Bergbau angeführt wird und die gemeinsam mit den Bauern den unbefristeten Streik anführt.
Der entscheidende Fehler der ISL bzw. ihrer bolivianischen Sektion besteht darin, dass sie den Begriff der Doppelherrschaft völlig entleeren und auf eine Situation anwenden, in der objektiv keine Organe proletarischer Macht existieren. Die COB ist heute keine revolutionäre Räteorganisation, sondern ein bürokratisierter Gewerkschaftsapparat mit reformistischer Führung, der historisch eng mit verschiedenen bürgerlich-nationalistischen Projekten verbunden war und weiterhin von diesen geprägt ist. Doppelherrschaft bedeutet im marxistischen Sinn aber nicht bloß eine zugespitzte soziale Krise, große Mobilisierungen oder die Existenz mächtiger Gewerkschaften. Sie existiert nur dort, wo sich eigenständige Organe der Klassenmacht der Arbeiter*innen herausbilden – also Räte, Sowjets, Streikkomitees oder territoriale Selbstorganisationen, die Produktion, Versorgung, Sicherheit und politische Entscheidungen tatsächlich in die Hände der Massen legen und damit dem bürgerlichen Staat eine alternative Macht entgegensetzen. Von einer solchen Situation ist Bolivien derzeit weit entfernt.
Indem die ISL dennoch die COB-Führung faktisch zur Verkörperung einer embryonalen Gegenmacht erklärt, ersetzt sie die notwendige Kritik an der Gewerkschaftsbürokratie durch politische Anpassung an diese Bürokratien. Die Folge ist eine klassische zentristische Verschiebung: Anstatt für unabhängige Organe proletarischer Demokratie und gegen die Kontrolle der Apparate zu kämpfen, wird die bestehende bürokratische Führung zum vermeintlichen Träger revolutionärer Perspektiven erklärt. Damit wird die strategische Kernfrage – der Kampf um die politische Unabhängigkeit der Arbeiter*innenklasse gegenüber allen reformistischen und national-populistischen Führungen – verwischt. Gerade weil es keine Räte gibt, wäre die zentrale Aufgabe heute der Kampf für deren Aufbau und nicht die theoretische Aufwertung eines bürokratischen Apparats zur „Doppelherrschaft“.
Noch alarmierender ist allerdings die Behauptung, die Führer der Gewerkschaften und Bauernverbände seien entschlossen, „die Arbeiterklasse mit revolutionären Mitteln zur Eroberung der Macht zu führen“. Der Aufbau einer proletarischen revolutionären Partei wird damit überflüssig – es genügt offenbar, sich hinter den „revolutionären“ Gewerkschaftsführungen einzureihen. Diese Abkürzungen zur Revolution haben nicht zuletzt zum Scheitern all jener Kräfte geführt, die sich nach 1945 auf die IV. Internationale berufen haben und neben dem Eintritt in reformistische und stalinistische Massenparteien auch das alte Klassenollaborationsprojekt der „Anti-imperialistischen Einheitsfront“ wiederbelbt haben. Es war letzten Ende die Kapitulation vor einer „revolutionären“ nationalen Bourgeoisie, die 1952 die stark in der Arbeiter*innenklassen verankerte Partido Obrero Revolucionario (POR – Revolutionäre Arbeiterpartei) zum Helfer der bürgerlichen MNR-Regierung von Üaz Estenssoro machte.
Evo Morales – ein Hochstapler drängt sich vor
Evo Morales, der im Dschungel von Chapare vor einem Haftbefehl wegen des Vorwurfs des Menschenhandels mit einer Minderjährigen untertaucht, versucht, sich als Anführer des Aufstands zu inszenieren. Er hat noch immer eine treue Anhängerschaft. Aber die MAS ist zerstritten. Viele in der Basis unterstützen Morales‘ Kampf gegen die Parteirechte, aber seine autoritären Methoden und der Justizskandal spalten die Linke.
Die Regierung nutzt dies aus: Paz‘ Team bezeichnet die Proteste pauschal als von „Verbrechern und Drogenhändlern“ gesteuert, um sie zu delegitimieren.
Aber auch im regierenden bürgerlichen Lager gibt es Risse. Vizepräsident Edman Lara forderte öffentlich den Stopp der Haftbefehle gegen Demonstrant*innen und einen „echten Dialog“ – ein Zeichen für die Spaltung im herrschenden Lager, ausgelöst durch die Angst vor einer völlig unkontrollierbaren Revolte der Bevölkerung.
Präsident Paz steht mit dem Rücken zur Wand. Seine Rezepte aus Sparkurs, IWF-Krediten und Polizeigewalt sind gescheitert. Er versucht nun, das Kabinett umzubauen und einen „Dialog“ anzubieten, weigert sich aber, über seinen Rücktritt zu verhandeln.
Auch die internationale Gemeinschaft ist gespalten. Während die US-Imperialisten und ihnen hörige Regierungen wie jene Argentiniens unter Javier Milei Paz den Rücken stärken, spricht Kolumbiens Präsident Gustavo Petro von einem legitimen „Volksaufstand“.
Boliviens Präsident – ein MAGAist an der Macht
Die Beziehung zwischen La Paz und Washington hat sich innerhalb weniger Monate von Eiszeit auf Tauwetter gedreht. Präsident Paz vollzieht eine auffällige Annäherung an die Regierung von Donald Trump – eine ideologische Symbiose, die tief in der Wirtschaftspolitik verwurzelt ist. Um die Dimension dieses Wandels zu begreifen, muss man zurückblicken: Evo Morales (von 2006-2019 and der Regierung) definierte Bolivien über die Konfrontation mit den USA. Er nannte die USA „das Imperium“, verwies den Botschafter (2008) und die DEA des Landes und knüpfte enge Bande mit Venezuela, Iran und Russland .
Rodrigo Paz hat mit diesem Erbe komplett gebrochen. Sein Wahlsieg im November 2025 läutete das Ende der „linksstaatlichen“ Ära ein. Noch vor seiner offiziellen Angelobung als Präsident kündigte er an: „Wir werden eine gute Beziehung und Verpflichtungen zur Zusammenarbeit zwischen beiden Nationen haben“ .(20.10.2026)
Die neue Achse La Paz-Washington wurde auf dem Gipfeltreffen Shield of the Americas“ in Miami (März 2026) besiegelt, bei dem Paz mit Trump und anderen pro-imperialistischen Präsidenten wie Javier Milei (Argentinien) und Nayib Bukele (El Salvador) zusammentraf . Bei diesem Treffen ging es um harte Fakten, nicht nur um bloße rhetorische Symbolik:
- Investitionen: Paz wirbt aggressiv um US-Techgiganten wie Amazon, Tesla und Oracle,, um in Boliviens Lithiumvorkommen zu investieren.
- Sicherheit: Er lud die Drug Enforcement Administration (DEA) offiziell zurück ins Land, um gemeinsam gegen Drogenhandel vorzugehen .
- Finanzspritzen: Seine Regierung sicherte sich milliardenschwere Kredite, unter anderem von der Washingtoner Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), um die Wirtschaft anzukurbeln .
Man darf diesen Schwenk nicht nur ideologisch deuten. Er ist existenziell. Bolivien steckt in seiner schwersten Wirtschaftskrise seit 1991. Die Zentralbank hat kaum noch Dollar, es gibt Treibstoffengpässe und eine Inflation von zeitweise 23 % . Paz und die bolivianische Bourgeoisie wissen, dass sie ohne ausländische Kredite und Investitionen – vor allem aus den USA – das Land nicht regieren können. Der Schulterschluss mit Trump ist daher auch ein Akt der wirtschaftlichen Rettung.
Für die Arbeiter*innenklasse Boliviens geht es ums Ganze: Rückkehr zu einem rohstoffnationalistischen Modell mit sozialer Absicherung oder dem endgültige Sieg einer Regierung, die um den Preis blutiger Repression die Rohstoffe des Landes den internationalen Konzernen und das Land den heimischen Großgrundbesitz*innen ausliefert.
Dieser Schulterschluss zeigt sich auch in der aktuellen innenpolitischen Krise. Während die Arbeiter*innenklasse, arme Bäuer*innen und die Organisationen der Indigenen gegen Paz mobilisieren, steht Washington fest an seiner Seite. Die US-Regierung verurteilte die aktuellen Proteste und Blockaden scharf als „humanitäre Krise“ und als „destabilisierende Aktionen“ gegen die „demokratisch gewählte Regierung“. Washington unterstützt Paz explizit dabei, „die Ordnung wiederherzustellen“ . Das ist eine klare Positionsnahme gegen die streikenden Arbeiter*innen und ein massives außenpolitisches Druckmittel.
Sollten die Sicherheitskräfte versuchen, die Blockaden mit aller Härte zu räumen, droht ein Massaker. Gibt Paz nach, könnte das ein Signal für den gesamten Kontinent sein. Die nächsten Tage werden entscheiden, ob Bolivien den Pfad der „sozialen Regierungen“ wieder einschlägt oder endgültig nach rechts abbiegt.
Neue Verbündete, alte Feinde
Die Regierung Paz ist ein williger Vasall der USA. Sie setzt genau das um, was die Arbeiter*innenklasse seit Jahrzehnten bekämpft: Privatisierung von Rohstoffen (Lithium für Tesla), Öffnung für US-Konzerne und Unterordnung unter die Geopolitik Washingtons. Der „Kampf gegen das Imperium“ ist Geschichte. Unter Paz ist Bolivien kein Teil der „antiimperialistischen Achse“ (Venezuela, Kuba, Nicaragua) mehr. Paz stellt sich aktiv gegen Maduro und schweigt zum Schicksal Kubas.
Die Trump-Administration nutzt Paz‘ Notlage (Wirtschaftskrise) aus, um ihn zu disziplinieren. Die aktuelle Unterstützung der USA für Paz‘ Polizeigewalt gegen die Proteste zeigt: Die MAGA-Bewegung hat einen neuen Verbündeten in Südamerika.
Für die COB und die arbeitende Bevölkerung ist dieser außenpolitische Schwenk keine Fußnote, sondern der Beweis dafür, dass Paz die Interessen des US-Kapitals über die des bolivianischen Volkes stellt.
Bolivien zeigt, was passiert, wenn eine hochgradig politisierte und organisierte Bevölkerung realisiert, dass „ihre“ gewählten Vertreter nicht dem Volk, sondern als unterwürfige Lakaien den Plänen von Donald Trump und seinen imperialistischen Strippenziehern, dem IWF und der Weltbank dienen? Die Antwort liegt nicht in den Wahlurnen, sondern in der direkten Aktion der Massen.
Das bedeutet aber auch: keine Illusionen in die bestehenden Gewerkschaftsführungen oder Sprecher*innen der Bauernverbände. Klarerweise müssen die Führer der Bewegung – wie COB-Vorsitzender Argollo und die Spitzenvertreter*innen aller Arbeiter*innenorganisationen gegen die Repression verteidigt werden.
Notwendig ist es, im Feuer der Klassenauseinandersetzung eine wirkliche revolutionäre Arbeiter*innenpartei auf einem marxistischen Programm aufzubauen. Das bedeutet: selbstständige Organisierung der Massen an den Arbeitsplätzen, den Ausbildungsstätten, den Stadteilen und Dörfern. Unterstützung der Aufrufe der Gewerkschaften und Massenorganisationen der Werktätigen, solange diese die Bewegung vorantreiben – Kritik und Kampf um eine neue Führung der Bewegung, wenn sich die Bürokrat*innen dem Willen der Basis entgegenstellen.
- Verbrüderung mit den Wehrpflichtigen, Bewaffnung der Arbeiter*innen zur Verteidigung ihrer Demonstrationen, Kundgebungen und Lokale!
- Besetzung der Minen und verarbeitenden Betriebe.
- Besetzung der Güter der Großgrundbesitzer!
- Vorwärts zu einer Arbeiter*innen und Bäuerinnen-Regierung in Bolivien!
- Vorwärts zur Föderation der Sozialistischen Staaten Süd- und Mittelamerikas!



