Die Sackgasse des US-Imperialismus
Der Besuch von Donald Trump in Peking im Mai 2026 markiert keinen Akt souveräner Diplomatie, sondern ist das Symptom einer tiefgreifenden strategischen Lähmung des US-Imperialismus. Die Reise fand vor dem Hintergrund eines militärischen Debakels im Mittleren Osten statt: Nach 40 Tagen intensiven Bombardements des Iran musste Washington einsehen, dass das Regime in Teheran weder kollabiert noch zur Kapitulation bereit ist. Das großspurig verkündete „Freedom Project“, das die Schifffahrt im Golf von Hormuz erzwingen sollte, erwies sich als wirkungsloses „Stochern im Nebel“. Da 80 % der asiatischen Ölversorgung durch diese Meerenge fließen, war das Scheitern nicht nur ein Prestigeverlust, sondern eine direkte Bedrohung der globalen Akkumulationsbedingungen, die Trump als Hebel gegen Peking einsetzen wollte, nun aber gegen ihn selbst wirkt.
Diese militärische Sackgasse korrespondiert unmittelbar mit der ökonomischen Schwächung der Hegemonialmacht USA. Das Ausbleiben eines schnellen Sieges führte zu einem brutalen und plötzlichen Anstieg der Energiepreise in den Vereinigten Staaten; der Benzinpreis schoss auf exakt 3,6732 USD pro Gallone hoch. Dieser Schock befeuert die Inflation von 2,7 % und verschärft die Krise der Realökonomie, in der die Firmenpleiten bereits um 14 % (2025) gestiegen sind. Trump reiste nicht als „Dealmaker“ nach Peking, sondern als Bittsteller. Ursprünglich wollte er als „Eroberer des Iran“ auftreten, um Bedingungen zu diktieren; stattdessen zwang ihn die Unfähigkeit, eine politisch und personell umzusetzende Bodeninvasion zu starten, Xi Jinping um Hilfe bei der Lösung der selbstverschuldeten Krise anzuflehen. Es ist der verzweifelte Versuch eines geschwächten Imperiums, ökonomische Zugeständnisse zu erpressen, um den Erosionsprozess der imperialistischen Ordnung hinauszuzögern.
„Reziprozität“, der neue Name des räuberischen Unilateralismus
In der ökonomischen Strategie der Trump-Administration fungiert der Begriff der „Reziprozität“ als ideologischer Schleier für einen nackten, räuberischen Unilateralismus (Coercive Unilateralism). Die sogenannten „Agreements for Reciprocal Trade“ (ARTs) und die am „Liberation Day“ im April 2025 dekretierten Zölle sind kein Ausdruck von Handelspolitik, sondern ein „Reparationsprogramm“ für einen US-Staat, der sich von seinen Vasallen und Rivalen gleichermaßen „ausgeraubt“ fühlt. Doch diese Politik stößt auf den Widerstand der eigenen staatlichen Institutionen: Das Urteil des Supreme Court vom 20. Februar 2026, welches Trumps anfängliche Notstandszölle für verfassungswidrig erklärte, offenbarte die tiefen Risse innerhalb des bürgerlichen Staatsapparats. Die aktuelle Einheitszollrate von 15 % ist lediglich ein verzweifeltes Provisorium.
Dieser Versuch der gewaltsamen Umverteilung innerhalb der imperialistischen Hierarchie trifft vor allem die Arbeiter*innenklasse und das Kleinbürgertum, deren Kaufkraft durch die Importkosten für Vorprodukte trotz der hohlen Rhetorik der „Reindustrialisierung“ vernichtet wird. Während Washington illusorische Forderungen nach massiven Auslandsinvestitionen stellt – etwa die 550 Milliarden Dollar aus Japan oder die 600 Milliarden Euro aus der EU, die beide weit hinter den Zusagen zurückbleiben –, offenbart die ökonomische Realität das ganze Ausmaß des Niedergangs: Das US-Handelsdefizit erreichte 2025 den historischen Rekordwert von 1,004 Billionen Dollar. Die USA sind unfähig, China mit rein zollrechtlichen Mitteln zu unterwerfen, da sie die Kontrolle über die globalen Wertschöpfungsketten längst an die überlegene produktive Basis des „Drachen“ verloren haben.
Der Gipfel in Peking: Diplomatisches Theater – und die Realität der Macht
Der Gipfel zwischen Trump und Xi Jinping war geprägt von der scharfen Diskrepanz zwischen zeremoniellem Prunk und dem vollkommenen Fehlen substanzieller Ergebnisse. Während Trump Xi in einer fast unterwürfigen Weise als „großen Führer“ und „Freund“ titulierte, demonstrierte die chinesische Seite die Überlegenheit eines „staatlich gesteuerten“ bürokratischen Apparats gegenüber einer zerstrittenen, „finanzialisierten“ US-Elite. Xi Jinping warnte unmissverständlich vor der „Thukydides-Falle“ und machte deutlich, dass Taiwan für den chinesischen Imperialismus eine existenzielle Frage der territorialen Integrität darstellt, während es für Washington lediglich ein bröckelnder strategischer Vorposten ist. Das ungelöste 11-Milliarden-Dollar-Waffenpaket für Taiwan unterstreicht die militärische Handlungsunfähigkeit der USA in der Region.
Ein beispielloses Zeugnis für die psychologische Fragmentierung der US-Herrschaftsklasse war Trumps Reaktion auf Xis Bemerkung, die USA seien eine „absteigende Nation“. In einem bizarren Akt der Selbstentlarvung bestätigte Trump diese Einschätzung in den sozialen Medien zu 100 %, um sie parteipolitisch gegen seine Vorgänger zu instrumentalisieren. Das zeigt recht deutlich das Ende eines kohärenten „nationalen Interesses“ der Bourgeoisie. Der Gipfel endete als totaler Fehlschlag: Kein Durchbruch im Iran-Krieg, keine Einigung bei den Zöllen, keine nennenswerten Handelsabschlüsse. Diplomatisches Theater kann nicht länger verbergen, dass die Produktivkräfte Chinas das parasitäre US-Kapital ernsthaft gefährden.
Chinas technologischer „Sprung nach vorn“
Die tiefere Ursache des Konflikts liegt im unversöhnlichen Gegensatz zwischen der industriellen Basis Chinas und der parasitären Natur des US-Finanzkapitals. Die USA sind ein siechender Hegemon mit Netto-Verbindlichkeiten gegenüber dem Rest der Welt in Höhe von 76 % des BIP, während China eine Netto-Aktivposition von 18 % des BIP hält.
China produziert heute zwischen 30 % und 60 % billiger als andere imperialistische Mächte bei gleicher oder besserer Qualität. Dieser enorme Vorsprung in der Arbeitsproduktivität macht US-Zölle ökonomisch wirkungslos. Während die Installation von Industrierobotern in China jährlich um 7 % wächst, verzeichnen die USA einen Rückgang von 9 %. China verfügt mittlerweile über mehr Industrieroboter als der Rest der Welt zusammen.
Chinesische Open-Source-KI-Modelle wie „DeepSeek“ untergraben die monopolitischen Renten der US-Tech-Giganten (OpenAI/Google) und brechen deren technologisches Diktat.
Das chinesische Modell ist kein Sozialismus, sondern ein hochgradig effizientes, staatlich gelenktes System der Kapitalakkumulation, das Ressourcen für langfristige produktive Investitionen mobilisiert, statt sie im Kasino des US-Finanzkapitals zu verbrennen. Das „exorbitante Privileg“ des US-Dollars als Weltreservewährung ist das letzte verbliebene Bollwerk der US-Dominanz, doch die industrielle Überlegenheit Chinas macht die militärische Entladung dieser ökonomischen Diskrepanz nahezu unvermeidlich.
Dieser ökonomische Aufstieg hat China längst selbst in eine imperialistische Macht verwandelt. Der chinesische Staat exportiert heute nicht bloß Waren, sondern Kapital in gigantischem Ausmaß. Mit der „Belt and Road Initiative“ errichtet Peking ein weltumspannendes Netz aus Häfen, Eisenbahnen, Rohstoffkorridoren und digitalen Infrastrukturen, das der Sicherung chinesischer Absatzmärkte, Lieferketten und geopolitischer Einflusszonen dient. Von Pakistan über Sri Lanka bis nach Afrika und Lateinamerika werden Staaten durch Kredite, Investitionen und strategische Abhängigkeiten immer enger an den chinesischen Kapitalismus gebunden. Der Hafen von Gwadar in Pakistan, die Kontrolle über Teile des Hafens von Piräus in Griechenland oder die massiven Investitionen in afrikanische Bergbau- und Energieprojekte zeigen, dass China längst nicht mehr nur „Werkbank der Welt“, sondern selbst Exporteur von Kapital und Machtprojektion ist.
Die chinesische Bourgeoisie tritt dabei keineswegs als friedliche Alternative zum westlichen Imperialismus auf. Auch sie kämpft um Rohstoffe, Transportwege, technologische Standards und militärische Einflusszonen. Die rapide Aufrüstung der chinesischen Marine, der Ausbau militärischer Stützpunkte wie in Dschibuti sowie die aggressive Sicherung der eigenen Interessen im Südchinesischen Meer entspringen derselben kapitalistischen Logik der Konkurrenz, die bereits die alten imperialistischen Mächte geprägt hat. Taiwan besitzt für Peking nicht bloß symbolische Bedeutung, sondern ist zentral für die Kontrolle globalere Halbleiterproduktion und der maritimen Handelswege Ostasiens.
Gerade die stalinistische Bürokratie konnte diesen Aufstieg organisieren, weil sie nach der kapitalistischen Restauration keinen „freien Markt“ westlichen Typs schuf, sondern einen autoritär gelenkten Staatskapitalismus entwickelte, der in der Lage ist, enorme industrielle und finanzielle Ressourcen strategisch zu bündeln. Die Kommunistische Partei Chinas fungiert dabei nicht als Instrument proletarischer Herrschaft, sondern als kollektiver Organisator der nationalen Kapitalakkumulation. Der chinesische Imperialismus ist deshalb historisch jünger und produktiver als sein US-amerikanischer Rivale, aber nicht weniger in die barbarische Logik des Weltkapitalismus eingebunden.
Wer in China einen „antiimperialistischen Gegenpol“ zu Washington sieht, verwechselt den Konflikt rivalisierender Mächte mit einem Kampf zwischen Unterdrückten und Unterdrückern. Die Konkurrenz zwischen den USA und China ist kein Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern der Zusammenstoß zweier imperialistischer Pole um die Neuaufteilung der Weltmärkte im Zeitalter des historischen Niedergangs des Kapitalismus.
Weltbrand oder Weltrevolution
Die Schlussfolgerungen aus diesem Gipfel sind für die internationale Arbeiter*innenklasse alarmierend. Die massive Erhöhung des US-Militärbudgets auf 1,5 Billionen Dollar ist die materielle Vorbereitung auf den Dritten Weltkrieg. Innerhalb der US-Elite gibt es lediglich einen taktischen Streit über die Methode der Vernichtung: Die MAGA-Fraktion will sich auf die westliche Hemisphäre zurückziehen, um alle Kräfte ausschließlich gegen China zu bündeln, während die Vertreter eines stärker weltweit orientierten Imperialismus die Hegemonie an allen Fronten gleichzeitig – in Europa, dem Nahen Osten und Asien – verteidigen wollen.
Wir lehnen die reaktionäre Utopie einer „multipolaren Welt“ entschieden ab. Diese Kautsky’sche Fantasie einer friedlichen Aufteilung der Ressourcen unter imperialistischen Mächten ist ein Betrug an den Massen. Es gibt keine friedliche Lösung innerhalb des Kapitalismus; der Kampf um Märkte und Rohstoffe führt unter der Logik der Nationalstaaten zwangsläufig in den Weltbrand.
Weder der „alte“ US-Imperialismus noch der „junge“ chinesische Imperialismus bieten einen Ausweg. Die einzige Kraft, die den drohenden Krieg verhindern kann, ist die unabhängige Organisation des internationalen Proletariats. Wir rufen zur Überwindung der Nationalstaatlichkeit und des Profitsystems auf. Der proletarische Internationalismus ist keine ferne Hoffnung, sondern die brennende Notwendigkeit unserer Zeit. Nur die sozialistische Weltrevolution kann die Menschheit aus der imperialistischen Sackgasse führen. Ihre Voraussetzung ist die Organisierung des Proletariats weltweit in revolutionären Arbeiter*innenparteien und einer neuen revolutionären Arbeiter*inneninternationale.
Karl Kautsky und der „Ultraimperialismus“
Der „Theoriepapst“ der II. Internationale, Karl Kautsky (1854-1938) entwickelte vor dem Ersten Weltkrieg die Idee des „Ultraimperialismus“ (siehe dazu seinen Artikel in der „Neuen Zeit“ vom September 1914: https://library.fes.de/cgi-bin/nzpdf.pl?dok=191314b&f=905&l=936). Er meinte damit, dass die großen kapitalistischen Mächte vielleicht irgendwann nicht mehr gegeneinander Krieg führen würden, sondern sich dauerhaft zusammenschließen könnten, um die Welt gemeinsam auszubeuten. Die Konkurrenz zwischen den imperialistischen Staaten würde also durch eine Art friedliche internationale Zusammenarbeit der Kapitalist*innen ersetzt werden.
Lenin kritisierte diese Vorstellung scharf. Für ihn war der Imperialismus keine bloße „falsche Politik“, sondern eine notwendige Folge des Kapitalismus selbst. Solange verschiedene nationale Kapitale und Staaten existieren, kämpfen sie auch um Märkte, Rohstoffe, Einflusszonen und Profite. Deshalb führen Krisen und Konkurrenz immer wieder zu Konflikten und Kriegen — auch wenn es zeitweise Bündnisse zwischen Großmächten gibt.
Viele heutige Vertreter*innen des „Multipolarismus“ knüpfen indirekt an Kautskys Idee an. Sie hoffen, dass eine Welt mit mehreren Machtzentren — etwa China, Russland oder anderen Staaten als Gegengewicht zu den Vereinigte Staaten — friedlicher oder gerechter werde. Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass mehrere konkurrierende imperialistische Mächte sich gegenseitig ausbalancieren könnten.
Wir internationalistischen Kommunist*innen halten dem entgegen: Auch neue Großmächte handeln nicht im Interesse der Arbeiter*innenklasse, sondern ihrer eigenen herrschenden Klassen. „Multipolarität“ hebt die imperialistische Konkurrenz nicht auf, sondern verändert nur ihre Form. Statt einer einzigen dominierenden Macht stehen sich mehrere rivalisierende Machtblöcke gegenüber. Das kann zeitweise Bündnisse hervorbringen, aber ebenso neue Konflikte und Kriege.



