Eine erfolgreiche Kundgebung in Linz verbindet Umweltbewegung, Kritik an den Hyperscalern und die Perspektive einer anderen digitalen Gesellschaft
Linz, 11. September 2026
„Google go home!“ – die Forderung war nicht zu überhören. Sie stand auf Transparenten, wurde gerufen und zog sich wie ein roter Faden durch die Demonstration vom Landhausplatz zum Linzer Hauptplatz. Doch die Kundgebung „Von Kronstorf lernen!“ war weit mehr als ein Protest gegen ein einzelnes Bauprojekt.
Sie stellte eine grundsätzliche Frage: Wer entscheidet eigentlich darüber, wie unsere digitale Zukunft aussieht – und wem dient sie?
Am Freitag versammelten sich am Linzer Landhaus zahlreiche Menschen, um gegen die Zerstörung von Boden und Wasserressourcen durch die gigantischen Rechenzentren internationaler Konzerne zu protestieren. Anschließend formierte sich ein beeindruckener Protestzug, der nach einer Zwischenkundgebung am Hauptplatz über die Nibelungenbrücke zur Stadtwrkstatt beim Ars Electronica-Gebäude führte. Anlass ist der Bau eines der größten Datenzentren Europas im oberösterreichischen Kronstorf durch Google. Doch Kronstorf steht längst nicht mehr allein. Überall entstehen Pläne für neue Rechenzentren, während deren enormer Bedarf an Strom, Wasser, Fläche und Infrastruktur zunehmend mit den Interessen der Bevölkerung und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen kollidiert.
Die Botschaft der Demonstration war deshalb klar: Digitalisierung darf nicht zum Freibrief für die grenzenlose Expansion des Kapitals werden.
Breites Bündnis – erstaunlich klare Debatte
Die Kundgebung zeigte dabei, dass der Widerstand gegen die Rechenzentren keineswegs auf eine einzelne politische oder gesellschaftliche Strömung beschränkt ist. Bürger*inneninitiativen, Umweltaktivist*innen, Aktivist*innen aus den Solidaritätsbewegungen im globalen Süden kamen mit Menschen aus der „digitalen Zivilgesellschaft“ und sozial engagierten Teilnehmer*innen zusammen.

Den Auftakt machte die Uraufführung des Songs „Tausche Hoamatlaund gegen Googlehupf“ von Bernhard Eder. Musikalisch verfremdet das Lied die oberösterreichische Landeshymne, welche die befremdlichen Zeilen enthält:
“Hoamátland, Hoamátland! Han di so gern, Wir á Kinderl sein Muadá, Á Hünderl sein’n Herrn”.
Christina Gruber von der Bürger*inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf, die die Auseinandersetzung aus der unmittelbaren Perspektive jener Menschen schilderte, die mit den Folgen des Projekts konfrontiert sind, modertierte auch die Startkundgebung.
Anschließend machte Dieter Wallentin von der Steyrer Klimainitiative Da Huat brennt! deutlich, dass das Projekt kein Geschenk des Landes ist, und rechnete vor, dass die Bilanz von 50 bis 100 Arbeitsplätzen (ein bis zwei Angestellte pro versiegeltem Hektar) sehr ernüchternd ausfällt.
Darauf folgte mit dem Wasserlied von Amro26 ein ungewöhnlicher, aber passender musikalischer Beitrag: Denn hinter der abstrakten Diskussion über „digitale Infrastruktur“ steht letztlich etwas sehr Konkretes – Wasser, Boden, Landschaft und die Frage, wer über deren Nutzung entscheidet.
Besonders eindrucksvoll war anschließend die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Projekts auf Boden und Wasser. Die beiden Vertreter*innen von Guter Grund machten deutlich, wie wenig die Hochglanzbegriffe der digitalen Industrie mit der materiellen Realität ihrer Infrastruktur zu tun haben. Ihre Beiträge waren bemerkenswert: Sie beschränkten sich nicht auf allgemeine Warnungen vor einem steigenden Wasserverbrauch, sondern gingen detailliert auf die geplante Wasserentnahme und die damit verbundenen Probleme ein. Dabei kamen Informationen und Zusammenhänge zur Sprache, die in dieser Form im offiziellen wasserrechtlichen Gutachten nicht zu finden sind. Vor allem spannten sie, angesichts der Erfahrungen aus dem diesjährigen heißen Sommer, den Bogen zu den Auswirkungen der Hyperscaler auf Landwirtschaft und Versorgung der Bevölkerung.
Das ist politisch wichtig. Denn die Auseinandersetzung um Rechenzentren darf nicht den Expert*innen der Konzerne und den ihnen gegenüberstehenden Behörden überlassen werden. Eine Gesellschaft, die immer wieder betont, demokratisch zu sein, muss selbst darüber diskutieren können, welche Ressourcen für welche Zwecke eingesetzt werden.Der Kampf um genau diese Informations- und Kontrollrechte weist weit über den Rahmen der bestehenden Gesellschaft hinaus, in der letzten Endes rechtliche Entscheidungen mit gravierenden Folgen immer von der Kapitalmacht abhängen.
Christian Leckschmied von der Solidarwerkstatt setzte sich mit der militärischen Nutzung der KI-Rechenzentren und deren Nutzung für Massenüberwachung und Bespitzelung auseinander. Die digitale Infrastruktur lässt sich eben nicht geografisch einzäumen – seine Warnung, dass möglicherweise Algorithmen in Kronstorf mit darüber entscheiden, wen eine High.Tech-Drohne tausende Kilometer entfernt töten solle, ist durchaus ernst zu nehmen.
Die unsichtbaren Arbeiter*innen der digitalen Welt
Einen weiteren entscheidenden Blickwinkel brachte Lisa Aigelsberger von Südwind OÖ in die Debatte ein. Ihre Ausführungen machten deutlich, dass die scheinbar immaterielle Welt von Cloud, künstlicher Intelligenz und digitalen Dienstleistungen auf sehr materiellen Arbeitsverhältnissen beruht. Denn irgendwo müssen die Daten verarbeitet, sortiert, moderiert und kontrolliert werden. Hinter den glänzenden Oberflächen der digitalen Konzerne stehen Arbeiter*innen – und vielfach prekär Beschäftigte, deren Arbeitsbedingungen weit von jenem Bild entfernt sind, das die großen Technologiekonzerne von ihrer vermeintlich „smarten“ Zukunft zeichnen.
Besonders eindrücklich war der Blick auf die Clickworker in Asien. Sie erledigen jene oft unsichtbare Arbeit, die notwendig ist, damit Algorithmen funktionieren und künstliche Intelligenz als scheinbar autonome Technologie auftreten kann. Als „Aug und Ohr“ der digitalen Welt müssen sie sich nicht nur mit einer schier unermesslichen Datenflut auseinandersetzen, sie sind auch der erste menschliche Wall gegen rassistische Hasspostings und kinderpornografische und Missbrauchsdarstellungen, was tiefe psychische Wunden bei dieser prekarisierten Schicht des neuen Proletariats hinterlässt. Damit wurde eine Verbindung sichtbar, die in der öffentlichen Diskussion über Digitalisierung häufig verdrängt wird:
Die digitale Welt ist keineswegs immateriell. Sie beruht auf Rohstoffen, Energie, Wasser, Land und – vor allem – menschlicher Arbeit. Und diese Arbeit ist international organisiert. Während die Gewinne bei den großen Technologiekonzernen konzentriert werden, werden die ökologischen und sozialen Kosten auf andere Regionen und auf die Arbeiter*innen abgewälzt.
Wem gehören die Daten – und wer kontrolliert sie?
Denn wer die digitale Infrastruktur kontrolliert, verfügt über einen immer größeren Teil der gesellschaftlichen Kommunikations- und Wissensinfrastruktur.Das ist eine politische Machtfrage. Die großen Hyperscaler präsentieren ihre Rechenzentren gern als neutrale technische Notwendigkeit. Doch hinter Begriffen wie „Cloud“, „KI-Infrastruktur“ oder „digitale Transformation“ stehen konkrete Unternehmen, konkrete Eigentumsverhältnisse und konkrete Profitinteressen.
Google, Microsoft, Amazon und andere Konzerne bauen keine Rechenzentren aus gesellschaftlicher Fürsorge. Sie investieren Kapital, weil sie sich davon langfristig hohe Profite und eine noch stärkere Kontrolle über digitale Märkte versprechen. Kronstorf ist deshalb kein isolierter lokaler Konflikt. Es ist ein Brennpunkt eines globalen Entwicklungsmodells.
Eine andere Digitalisierung ist möglich
Besonders spannend wurde die Kundgebung dort, wo sie nicht bei der Kritik stehenblieb.Davide Bevilacqua von servus.at stellte die Frage, wie eine nachhaltige Digitalisierung überhaupt aussehen könnte. Und damit wurde eine Perspektive eröffnet, die weit über die Forderung „kein Google in Kronstorf“ hinausgeht. Denn selbstverständlich brauchen Menschen digitale Infrastruktur. Selbstverständlich brauchen wir Datenverarbeitung, Netze, Speicher und Rechenleistung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Digitalisierung – ja oder nein?
Sondern:
Welche Digitalisierung? Für wen? Unter wessen Kontrolle? Und mit welchen gesellschaftlichen und ökologischen Kosten?
Bevilacqua zeigte auf, dass digitale Ressourcen auch anders organisiert werden können – ohne die Konzentration immer gigantischere Datenmengen in wenigen riesigen Rechenzentren zum unhinterfragbaren Dogma zu machen. Das ist ein Konzept, mit dem wir uns weiter beschäftigen wollen. Denn genau hier beginnt die Diskussion über eine menschengerechte digitale Infrastruktur. Was die Menschheit braucht ist nicht die Verwirklichung der autoritären, antidemokratischen Allmachtsphantasien der Tech-Konzerne und ihrer Eigentümer, das ist Rechenleistung, die hilft, Menschen für demokratische Entscheidungsprozesse zu vernetzen, die hilft, eine demokratisch geplante Wirtschaft zu gestalten, die nicht der Profitgier unterworfen ist.
Oder, um es mit einem Begriff zu sagen, der in der heutigen politischen Debatte vielleicht für den einen oder anderen provokant wirkt: eine sozialistische Digitalisierung.
Eine Gesellschaft, in der digitale Infrastruktur nicht danach geplant wird, wo sich das eingesetzte Kapital am höchsten verzinst. Eine Gesellschaft, in der Wasser und Boden keine kostenlosen Produktionsfaktoren für die Profitmaschine sind. Eine Gesellschaft, in der die Beschäftigten und die Bevölkerung darüber entscheiden, welche Technologien wofür eingesetzt werden.
„Eine andere KI ist möglich“
Den Schlusspunkt der inhaltlichen Beiträge setzte Felix Stalders Referat „Eine andere KI ist möglich. Kein Google in Kronstorf“, die wegen einer Zugverspätung von einem seiner Kollegen verlesen wurde.
Auch in dieser Ansprache zeigte sich die eigentliche Stärke der Kundgebung: Sie beschränkte sich nicht auf eine rückwärtsgewandte Ablehnung von Technologie. Es geht nicht darum, die Digitalisierung zurückzudrehen. Es geht darum, sie dem Zugriff des Kapitals zu entreißen.
Die entscheidende Frage ist, ob künstliche Intelligenz und digitale Technologien dazu eingesetzt werden, die Macht großer Konzerne weiter zu konzentrieren – oder ob sie gesellschaftlich geplant und demokratisch kontrolliert eingesetzt werden können, um menschliche Arbeit zu erleichtern, Wissen zugänglich zu machen und Ressourcen sinnvoll einzusetzen.
Das ist keine technische Frage — es ist eine gesellschaftliche!
Nach der Kundgebung am Landhausplatz setzte sich der Demonstrationszug in Richtung Hauptplatz in Bewegung. Dort traf der Protest auf die Welt der Ars Electronica – und damit auf jene durchaus kritische Vision vom technologischen Fortschritt, die Linz jedes Jahr zum Zentrum der internationalen Debatte über die digitale Zukunft macht. Dass beide Stränge gut zusammenpassen, bestätigte die Zwischenkundgebung, in der es um die zugrunde liegenden Fragen ging: Wer braucht das Wasser? Wer braucht den Boden? Wer trägt die Kosten? Wer arbeitet dafür? Wer besitzt die Infrastruktur? Und wer kassiert die Profite?
Die Stimmung war ausgesprochen gut. Auf dem Hauptplatz und später bei der Vernetzung vor der Stadtwerkstatt zeigte sich, dass hier etwas zusammenkommt, das über den konkreten Konflikt in Kronstorf hinausweist.

Offene Ohren für klassenkämpferische Positionen
Für uns war die Demonstration eine Gelegenheit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich bislang vielleicht noch nicht mit einer klassenkämpferischen Kritik der Digitalisierung beschäftigt haben.

Unsere Flugblätter und die Zeitung stießen auf großes Interesse. Das ist ermutigend. Denn die Auseinandersetzung um die Rechenzentren eröffnet eine politische Frage, die weit über Umweltpolitik im engeren Sinn hinausgeht. Die Digitalisierung macht die Widersprüche des Kapitalismus nicht unsichtbar – sie verschärft sie.
Der enorme Energie- und Ressourcenverbrauch der Hyperscaler trifft auf eine Gesellschaft, in der gleichzeitig von Sparzwang und Verzicht gesprochen wird. Während die Bevölkerung lernen soll, Ressourcen zu sparen, können internationale Konzerne Milliarden in eine Infrastruktur investieren, deren ökologische Kosten letztlich die Allgemeinheit trägt.
Während uns die digitale Zukunft als grenzenlose Welt des Fortschritts verkauft wird, wird die dafür notwendige Arbeit häufig ausgelagert und unsichtbar gemacht. Und während Daten zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Ressourcen werden, befinden sich die entscheidenden Infrastrukturen zunehmend in den Händen weniger multinationaler Konzerne.
Das ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis kapitalistischer Eigentumsverhältnisse.
Kronstorf ist erst der Anfang
Gerade deshalb ist der Widerstand gegen das Rechenzentrum in Kronstorf von überregionaler Bedeutung. Die österreichische Bevölkerung wird in den kommenden Jahren mit immer neuen Projekten konfrontiert werden. Rechenzentren brauchen Flächen, Strom, Kühlung, Wasser und Netzinfrastruktur. Ihre Betreiber werden versuchen, ihre Projekte als unvermeidlichen Preis des technologischen Fortschritts darzustellen.
Dem müssen wir eine andere Vorstellung von Fortschritt entgegensetzen.
- Fortschritt ist nicht, wenn Google immer mehr Wasser verbrauchen kann.
- Fortschritt ist nicht, wenn immer größere Datenmengen immer stärker konzentriert werden.
- Fortschritt ist nicht, wenn die Gewinne privatisiert und die ökologischen Kosten vergesellschaftet werden.
Fortschritt bedeutet, dass Technologie dem Menschen dient. Und genau deshalb müssen die Entscheidungen über digitale Infrastruktur demokratisiert und unter gesellschaftliche Kontrolle gestellt werden.
Die Demonstration in Linz war dafür ein wichtiger Schritt. Sie hat Menschen und politische Ansätze zusammengebracht, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, aber eine gemeinsame Erfahrung machen: Die digitale Zukunft darf nicht den Hyperscalern überlassen werden.
Der nächste Schritt muss deshalb eine österreichweite Mobilisierung gegen die Rechenzentren-Flut sein.
Von Kronstorf lernen heißt: Widerstand leisten.
Von Kronstorf lernen heißt aber auch: über eine andere Gesellschaft nachdenken.
Eine Gesellschaft, in der die gewaltigen Möglichkeiten der Digitalisierung nicht zur Bereicherung einiger weniger Kapitalbesitzer eingesetzt werden, sondern unter demokratischer Kontrolle der gesamten Gesellschaft stehen.
Ob analog, ob digital – Nieder mit dem Kapital!



