Was in Kronstorf auf dem Spiel steht
In Kronstorf, Oberösterreich, entsteht derzeit eines der größten Rechenzentren Europas. Google errichtet auf einem rund 50 Hektar großen Areal sein erstes österreichisches Rechenzentrum. Ende April 2026 erfolgte der Spatenstich; im Juli reichte der Konzern bereits Anträge für weitere Ausbaustufen ein. Damit ist aus einem lange vorbereiteten Standortprojekt innerhalb weniger Monate ein Großprojekt geworden, dessen Dimensionen die ursprünglichen Planungen deutlich übersteigen.
Und der Widerstand wächst. Am 17. Juli demonstrierten mehrere hundert Menschen vor der Baustelle. Die Bürger*inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf kritisiert unnötige Bodenversiegelung, den Energie- und Wasserbedarf sowie die mangelnde Transparenz des Projekts. Gleichzeitig wird das Vorhaben von der oberösterreichischen Landesregierung und wirtschaftsliberalen Kräften wie der Agenda Austria im Namen der Standortpolitik als wichtiger Beitrag zur digitalen Infrastruktur und zur wirtschaftlichen Entwicklung Oberösterreichs gefeiert. Geht man aber auf die Internetseite des ÖGB und sucht nach Kronstorf findet man – nichts. Wir werten das nicht unbedingt als gutes Zeichen.
Kronstorf ist damit längst mehr als ein lokaler Konflikt. Hier lässt sich in konzentrierter Form beobachten, was hinter der glänzenden Oberfläche der digitalen Ökonomie steckt: Die sogenannte „Cloud“ besteht aus Beton, Stahl, Kupfer, Silizium, Stromleitungen, Kühlsystemen, Wasser und riesigen Flächen. Digitalisierung ist keine immaterielle Entwicklung. Sie benötigt eine gewaltige materielle Infrastruktur – und diese Infrastruktur wird unter kapitalistischen Bedingungen nicht nach gesellschaftlichen Bedürfnissen errichtet, sondern nach den Erfordernissen der Kapitalverwertung.
Die zweite Ausbaustufe in Kronstorf könnte nach Berechnungen von Netz Oberösterreich bis zu 4,4 Terawattstunden Strom jährlich benötigen. Zum Vergleich: Der gesamte Stromverbrauch Oberösterreichs lag 2024 bei rund 14 Terawattstunden. Dabei handelt es sich um eine Prognose für den möglichen Ausbau, nicht um den heutigen Verbrauch des Rechenzentrums. Gerade diese Größenordnung zeigt jedoch, worum es geht: Eine private Konzernentscheidung kann einen erheblichen Teil der regional verfügbaren Energieinfrastruktur auf Jahrzehnte binden.
Damit stellt Kronstorf eine sehr einfache politische Frage: Wer entscheidet eigentlich darüber, wofür gesellschaftliche Ressourcen eingesetzt werden?
Die „Cloud“ steht auf Beton
Die Propheten der schönen neuen smarten Welt präsentieren die Digitalisierung gerne als Entmaterialisierung der Gesellschaft. Alles werde digital, alles verschwinde in der „Cloud“, und die Datenökonomie erscheine beinahe als eine Welt des reinen Geistes.
Die Realität sieht anders aus.
Hinter jedem KI-Modell stehen Rechenzentren mit Tausenden von Hochleistungsprozessoren, Stromversorgung, Kühlung, Gebäuden, Netzanbindungen und Kommunikationsinfrastruktur. Hinter diesen wiederum stehen Bergwerke, Halbleiterfabriken, Logistik und menschliche Arbeit.
Die Internationale Energieagentur schätzt den weltweiten Stromverbrauch von Rechenzentren für 2024 auf rund 415 Terawattstunden. Bis 2030 könnte er sich auf etwa 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln. Der wichtigste Wachstumstreiber ist dabei die künstliche Intelligenz. Gerade KI-Rechenzentren benötigen besonders hohe Leistungsdichten und stellen deshalb die Stromnetze vor neue Herausforderungen.
Das Entscheidende daran ist nicht eine einzelne Zahl. Es ist die Richtung der Entwicklung. Die digitale Ökonomie benötigt immer größere Mengen gesellschaftlich produzierter Energie und immer größere Mengen materieller Infrastruktur. Gleichzeitig werden diese Ressourcen privat angeeignet und in den Dienst der Akkumulation gestellt.
Kronstorf ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel.
Kein österreichischer Sonderfall
Der Konflikt in Oberösterreich ist keineswegs einzigartig. Überall dort, wo die großen Technologiekonzerne sogenannte Hyperscale-Rechenzentren errichten, entstehen Konflikte um Strom, Wasser, Boden und politische Mitsprache.
In Irland ist der Anteil der Rechenzentren am Stromverbrauch bereits so groß, dass ihre weitere Expansion zu einer politischen Frage der Energieversorgung geworden ist. In den Niederlanden stieß der Bau großer Rechenzentren ebenfalls auf heftigen Widerstand. In den USA entstehen Anlagen, deren Strombedarf mit dem Verbrauch ganzer Städte vergleichbar ist.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Protest gegen ein Rechenzentrum bereits ein proletarischer Klassenkampf wäre.
Viele dieser Bewegungen sind zunächst klassenübergreifend. Anwohner*innen, Landwirt*innen, Umweltinitiativen, Kommunalpolitiker*innen und unterschiedliche politische Strömungen können aus verschiedenen Gründen gegen ein Projekt kämpfen. Auch der Kampf in Kronstorf hat zunächst diesen Charakter. Gerade deshalb ist es notwendig, genauer hinzusehen.
Der Ausgangspunkt ist ein lokaler Konflikt: Ein Konzern beansprucht Boden, Wasser und Energie für ein privates Projekt. Doch je weiter der Konflikt fortschreitet, desto unausweichlicher werden grundsätzliche Fragen:
- Wer besitzt den Boden?
- Wer verfügt über die Energieinfrastruktur?
- Wer entscheidet über Wasser und andere natürliche Ressourcen?
- Wer trägt die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten?
- Und wer eignet sich den daraus entstehenden Profit an?
Hier beginnt die politische Bedeutung solcher Kämpfe.
Sie können über die Ablehnung eines einzelnen Projekts hinausweisen und die Eigentums- und Machtverhältnisse sichtbar machen, auf denen die digitale Ökonomie beruht.
Nicht gegen die Maschine – gegen ihre kapitalistische Verwendung
Als Kommunist*innen lehnen wir die Technik nicht ab.
Wir sind keine modernen Maschinenstürmer, die den Fortschritt zurückdrehen wollen. Im Gegenteil: Internet, Computer und künstliche Intelligenz gehören zu den gewaltigen Produktivkräften, die die menschliche Arbeit erleichtern, Produktionsprozesse rationalisieren und die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit drastisch verkürzen könnten.
Das Problem liegt nicht in der Existenz dieser Produktivkräfte, sondern in ihrer gesellschaftlichen Form.
Unter kapitalistischen Bedingungen wird jede technische Neuerung in erster Linie daran gemessen, ob sie sich als Kapital verwerten lässt. Was technisch möglich ist, wird deshalb nicht automatisch gesellschaftlich sinnvoll eingesetzt.
Eine Technologie, die Millionen Menschen von monotoner und schwerer Arbeit befreien könnte, kann gleichzeitig dazu eingesetzt werden, Arbeitsplätze zu vernichten, Beschäftigte algorithmisch zu kontrollieren und Arbeitsprozesse zu intensivieren.
Eine Infrastruktur, die den Zugang zu Wissen und Kommunikation weltweit erleichtern könnte, wird gleichzeitig von privaten Konzernen kontrolliert.
Und eine Technologie, die den Verbrauch von Ressourcen rationaler organisieren könnte, erzeugt unter Bedingungen der Konkurrenz immer neue Anreize für Expansion und Akkumulation. Der Widerspruch liegt dabei nicht darin, dass der Kapitalismus keine neuen Produktivkräfte mehr hervorbringen könnte. Im Gegenteil: Gerade der Kapitalismus hat immer wieder gewaltige technologische Umwälzungen hervorgebracht. Die entscheidende Frage ist vielmehr, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen diese Produktivkräfte eingesetzt werden und wem ihre Ergebnisse zugutekommen.
Leo Trotzki formulierte 1938 im Übergangsprogramm eine weitreichende Diagnose: „Neue Erfindungen und technische Neuerungen vermögen bereits nicht mehr zu einer Hebung des materiellen Wohlstands beizutragen.“ Im unmittelbaren historischen Sinn war diese Prognose zu absolut. Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg hat gezeigt, dass sich Produktivkräfte und materieller Lebensstandard in den kapitalistischen Ländern über Jahrzehnte hinweg außerordentlich steigern konnten. Millionen Menschen erhielten Zugang zu Konsumgütern, Wohnraum, medizinischen Leistungen, höherer Bildung und technischen Möglichkeiten, die wenige Jahrzehnte zuvor noch einer Minderheit vorbehalten waren. Es wäre daher falsch, Trotzkis Aussage nachträglich so umzudeuten, als habe er lediglich behaupten wollen, technische Entwicklung sei unter dem Kapitalismus gesellschaftlich widersprüchlich. Er behauptete tatsächlich eine historische Stagnation der Produktivkräfte – und diese konkrete Prognose hat sich nicht bestätigt.
Damit ist jedoch die marxistische Fragestellung, die hinter dieser Diagnose steht, keineswegs erledigt. Marx beschreibt in seiner Analyse der Produktionsweise gerade nicht einen Zeitpunkt, an dem die Produktivkräfte „vollständig“ entwickelt wären. Er schreibt vielmehr, dass die Produktivkräfte auf einer bestimmten Entwicklungsstufe mit den bestehenden Produktionsverhältnissen in Konflikt geraten und diese aus Formen ihrer Entwicklung zu Fesseln werden. Erst dann beginnt eine Epoche sozialer Revolution. Zugleich betont Marx, dass eine Gesellschaftsordnung nicht zerstört wird, bevor in ihr die Produktivkräfte entwickelt sind, „für die in ihr Raum ist“, und dass die materiellen Bedingungen einer höheren Produktionsweise innerhalb der alten Gesellschaft heranreifen müssen. Das ist keine Aufforderung, auf die maximale technische Entwicklung des Kapitalismus zu warten.
Gerade die Entwicklung der digitalen Produktivkräfte macht diesen Widerspruch heute sichtbar. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und hochleistungsfähige Recheninfrastrukturen können die gesellschaftliche Fähigkeit, mit weniger menschlicher Arbeit und geringerem Ressourcenverbrauch zu produzieren, erheblich erweitern. Unter kapitalistischen Bedingungen werden diese Möglichkeiten jedoch nicht nach dem Kriterium gesellschaftlicher Bedürfnisbefriedigung eingesetzt, sondern nach den Erfordernissen von Konkurrenz und Akkumulation. Dieselbe Technologie kann deshalb gleichzeitig eine außerordentliche Produktivkraft sein und für militärische Zwecke, Überwachung, Ressourcenverschwendung oder die Verschärfung kapitalistischer Konkurrenz eingesetzt werden. Das Problem ist also nicht, dass sich die Produktivkräfte nicht mehr entwickeln. Das Problem besteht darin, dass ihre gesellschaftlich mögliche Rationalität mit ihrer kapitalistischen Form der Aneignung und Anwendung in zunehmenden Widerspruch gerät.
Gerade deshalb sollten wir Trotzki hier nicht zum unfehlbaren Propheten machen. Seine historische Prognose von 1938 muss an der tatsächlichen Entwicklung gemessen und, wo sie sich als falsch erwiesen hat, korrigiert werden. Die marxistische Methode verlangt nicht die Verteidigung jeder Prognose der Klassiker, sondern die Untersuchung der realen gesellschaftlichen Widersprüche. Die Frage unserer Epoche lautet daher nicht, ob der Kapitalismus noch neue Produktivkräfte hervorbringen kann. Er kann es offensichtlich. Die Frage lautet vielmehr, ob die kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse noch eine gesellschaftlich rationale Entwicklung dieser Produktivkräfte ermöglichen – oder ob sie zunehmend selbst zur Schranke dessen werden, was technisch und gesellschaftlich möglich wäre.
KI und die neue Konzentration des Kapitals
Die KI-Industrie ist nicht einfach eine weitere Branche der digitalen Wirtschaft. Ihre Entwicklung beschleunigt die Konzentration von Kapital in einem besonders hohen Maß.
Für leistungsfähige KI-Systeme benötigt man enorme Rechenkapazitäten, spezialisierte Chips, riesige Datenmengen, Energie, Netzinfrastruktur und gewaltige Investitionen. Dadurch entstehen hohe Eintrittsbarrieren. Wer über Kapital, Daten, Rechenleistung und Infrastruktur verfügt, kann seine Stellung gegenüber kleineren Konkurrenten immer weiter ausbauen.
Die Entwicklung der KI verstärkt damit eine Tendenz, die dem Kapitalismus grundsätzlich innewohnt: die Konzentration und Zentralisation von Kapital.
Die großen Technologiekonzerne verfügen nicht nur über Software und Daten. Sie kontrollieren zunehmend die materiellen Voraussetzungen der digitalen Produktion selbst – von Chips und Rechenzentren bis zu Cloud-Plattformen und Kommunikationsinfrastruktur. Das ist der entscheidende Punkt.
Die sogenannte digitale Revolution ist keine Welt des immateriellen Kapitals. Sie ist vielmehr eine neue Stufe der Konzentration von gesellschaftlichen Produktionsmitteln in den Händen weniger Unternehmen.
Und deshalb führt die Diskussion über die ökologischen Folgen der KI unmittelbar zur Eigentumsfrage.
Von Kronstorf zur imperialistischen Konkurrenz
Diese Entwicklung ist zugleich eng mit der internationalen Konkurrenz der imperialistischen Mächte verbunden.
Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur eine Frage kommerzieller Anwendungen. Halbleiter, Rechenleistung, Datenzentren, kritische Rohstoffe und Energieinfrastruktur sind Bestandteile einer strategischen Auseinandersetzung zwischen den großen kapitalistischen Staaten.
Ein besonders deutliches Beispiel dafür ist die 2025 gegründete US-geführte Initiative Pax Silica. Sie soll die Lieferketten für Halbleiter, kritische Rohstoffe, KI-Infrastruktur und andere strategische Technologien sichern und enger mit Fragen wirtschaftlicher und nationaler Sicherheit verbinden. Die Europäische Union hat die Pax-Silica-Erklärung im Juni 2026 unterzeichnet.
Was sich hier zeigt, ist die zunehmende Verschmelzung von Tech-Kapital, Industriepolitik, Rohstoffpolitik und strategischer Sicherheit.
Die digitale Infrastruktur wird damit selbst zu einem Bestandteil imperialistischer Konkurrenz. Das hat Konsequenzen bis nach Kronstorf. Denn ein Rechenzentrum in Oberösterreich steht nicht außerhalb dieser globalen Entwicklung. Es ist ein lokaler Knotenpunkt einer internationalen Infrastruktur, in der Kapital, Energie, Daten, Chips und strategische Interessen miteinander verbunden sind. Der scheinbar lokale Konflikt um „ein Stück Boden“ wird dadurch Teil einer viel größeren Entwicklung.
Wem gehört die digitale Infrastruktur?
Die herrschende Politik präsentiert solche Projekte gerne als unvermeidlichen Preis des technischen Fortschritts. Man müsse investieren, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Man müsse neue Rechenzentren bauen, damit Österreich und Europa im KI-Zeitalter nicht zurückfallen.
Aber diese Argumentation stellt die entscheidende Frage auf den Kopf.
Nicht die Gesellschaft entscheidet darüber, welche Technologie sie benötigt und wie sie ihre Ressourcen einsetzen will. Vielmehr entscheiden private Konzerne, wo investiert wird, welche Infrastruktur entsteht und welche Ressourcen dafür bereitgestellt werden – entsprechend den erwarteten Renditen.
Kronstorf macht diesen Widerspruch sichtbar. Ein einzelner Konzern kann über eine Infrastruktur verfügen, deren Energiebedarf einen erheblichen Teil des regionalen Stromverbrauchs ausmachen könnte. Gleichzeitig bleibt die gesellschaftliche Kontrolle über die grundlegende Frage, wofür diese Energie eingesetzt werden soll, äußerst begrenzt.
Das Problem besteht deshalb nicht nur darin, ob ein einzelnes Rechenzentrum genehmigt oder verhindert wird.
Die eigentliche Frage lautet: Warum sollen gesellschaftlich produzierte Ressourcen privaten Konzernen zur Verfügung stehen, damit diese daraus privaten Profit ziehen?
Die Enteignung der Tech-Giganten
Die strategische Notwendigkeit unserer Epoche ist es, dem Kapital das digitale Eigentum zu entreißen. Solange Rechenzentren, Algorithmen und Datenmengen Privatbesitz sind, werden sie unweigerlich gegen Mensch und Natur eingesetzt. Die technologische Entwicklung muss endlich den Bedürfnissen der Gesellschaft dienen, statt der imperialistischen Konkurrenz und dem Profit.

Unsere Kernforderung muss daher die Enteignung der Tech-Giganten sein – also die Überführung ihres Privatbesitzes in gesellschaftliches Eigentum und unter die Kontrolle der arbeitenden Menschen. Mehr noch: Die gesamte digitale Infrastruktur muss der privaten Aneignung entzogen und unter Arbeiter*innenkontrolle gestellt werden. Nur so können wir die Entwicklung der Technik rational planen und ihren Ressourcenverbrauch an gesellschaftlichen Bedürfnissen statt an den Erfordernissen der Kapitalverwertung ausrichten.
Statt spekulativer Blasen, algorithmischer Ausbeutung und automatisierter Überwachung könnte eine gesellschaftlich gesteuerte KI dazu genutzt werden, die Arbeitszeit für alle drastisch zu verkürzen und die Produktion nach wirklichen Bedürfnissen zu organisieren. Statt Instrumente der Bespitzelung, Überwachung und Manipulation zu sein, könnten Internet, KI und moderne Computersysteme die materiellen Voraussetzungen für eine weltweit vernetzte Arbeiter*innenmacht und damit für eine internationale sozialistische Planwirtschaft schaffen.
Eine solche Gesellschaft müsste allerdings auch mit einer anderen Form von Konsum und Bedürfnisproduktion brechen.
Denn es ist zu einfach, den Menschen zu erklären: Ihr seid selbst schuld – ihr schaut Netflix, verschickt Katzenvideos und verbraucht damit Strom und Daten. Natürlich benutzen wir diese Technologien. Aber die individuelle Nutzung erklärt nicht, warum eine Gesellschaft eine gigantische Infrastruktur entwickelt, die darauf ausgerichtet ist, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden und jeden Klick in eine Ware zu verwandeln. Dahinter stecken die Bedürfnisse des Tech-Kapitals und der staatlichen “Sicherheits”organe nach Datensammlung, Nutzer- und Bewegungsprofilen, generell nach dem Überwachungspotential….
Der Kapitalismus produziert nicht nur Waren, um vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen. Er muss ständig neue Bedürfnisse erzeugen, weil die Akkumulation des Kapitals auf der permanenten Erweiterung der Warenproduktion beruht. Deshalb werden uns Produkte angeboten, die niemand braucht, aber möglichst viele Menschen kaufen sollen – von den legendären Gummienten bis zu einer endlosen Flut nahezu identischer Waschmittel, Zahnpasten oder Schokoladen. Nicht die gesellschaftliche Nützlichkeit entscheidet darüber, was produziert wird, sondern die Aussicht auf Profit.
Auch die digitale Massenkultur ist Teil dieser Logik. Streamingdienste konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit, Plattformen optimieren ihre Algorithmen auf möglichst lange Nutzungszeiten und digitale Werbung verwandelt unsere Wünsche in verwertbare Daten. Die Menschen sind dabei nicht einfach passive Opfer und schon gar nicht persönlich für die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung verantwortlich. Aber ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten werden innerhalb einer Produktionsweise geformt, deren oberstes Ziel die Verwertung des Kapitals ist.
In diesem Sinne ist das berühmte „Opium des Volkes“ heute vielleicht auch als kommerziell optimierter Dauerstream vorstellbar: eine Kulturindustrie, die uns nicht nur unterhalten, sondern unsere Aufmerksamkeit binden, unsere Bedürfnisse formen und uns möglichst lange im Kreislauf des Konsums halten soll.
Die Alternative besteht deshalb nicht darin, den Menschen Netflix oder das Internet wegzunehmen. Die Alternative besteht darin, die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Produktion und Nutzung zu verändern.
Unter sozialistischen Bedingungen könnten digitale Technologien dazu dienen, gesellschaftlich notwendige Arbeit zu reduzieren, Wissen frei zugänglich zu machen, Produktion und Verkehr rational zu planen und die Menschen von einem immer größeren Teil der sinnlosen Arbeit zu befreien, die der kapitalistischen Konkurrenz entspringt.
Kronstorf ist erst der Anfang
Der Kampf gegen das Google-Rechenzentrum in Kronstorf ist natürlich kein internationaler Klassenkampf. Aber er kann zu einem Bestandteil eines solchen Kampfes werden. Dafür muss er aus der Enge des lokalen Protests heraustreten.
Es geht nicht nur um 50 Hektar Boden in Oberösterreich. Es geht um die Frage, ob Energie, Wasser, Boden und digitale Infrastruktur den Profitinteressen multinationaler Konzerne untergeordnet werden dürfen.
Es geht nicht nur um Google. Es geht um die gesellschaftliche Macht des Tech-Kapitals.
Und es geht nicht darum, Österreich vor der Digitalisierung zu bewahren. Es geht darum, die Digitalisierung in die Hände derjenigen zu übergeben, die ihre materiellen Voraussetzungen schaffen und die Gesellschaft am Leben erhalten.
Kronstorf zeigt deshalb etwas Grundsätzliches:
Die digitale Zukunft ist nicht immateriell. Sie ist materiell, teuer und politisch. Und gerade deshalb ist sie eine Frage des Klassenkampfes.Die digitalen Festungen des Kapitals werden nicht dadurch überwunden, dass wir die Maschinen zerstören.
Der Kampf gegen die Serverfarmen in Kronstorf, Zeewolde oder Santiago ist erst der Anfang. Er muss sich gegen die Logik richten, die hinter diesen Projekten steht: die private Aneignung gesellschaftlicher Ressourcen und ihre Unterordnung unter die Kapitalverwertung.

Die Enteignung der Tech-Oligarchen ist deshalb keine Option unter vielen, sondern eine historische Notwendigkeit für das Überleben unseres Planeten.
Es ist Zeit, die zerstörerischen Festungen des Kapitals zu schleifen und die technologische Zukunft für eine befreite Menschheit zu erobern.



