Wem gehört die digitale Zukunft?

Blick in die FAKTory

Gestern beteiligte sich ein Genosse der Gruppe KLASSENKAMPF (GKK) an einer Diskussionsveranstaltung in der FAKTory der Arbeiterkammer Wien über „Sozial-ökologische Techpolitik – Eine offene Diskussion zu linken Kämpfen und progressiven Strategien im Kontext von neuen Technologien, KI-Rechenzentren, Kryptowährungen und Rohstoffen für die grüne Transformation“. Das Panel bestand aus Patrik Mokre (Arbeiterkammer Wien), Miriam Fahimi (Universität Paderborn), Jakob Scherer (Universität Wien), Lina Schmid (Universität Wien) undNora Krenmayr (Moderation, BOKU Wien.

Im Mittelpunkt standen unter anderem künstliche Intelligenz, KI-Rechenzentren, Kryptowährungen und die Frage, welche Strategien eine progressive Politik angesichts der technologischen Entwicklung verfolgen kann.

In seinem Diskussionsbeitrag wandte sich unser Genosse zunächst gegen eine Grundannahme, die auch in kritischen Diskussionen über Digitalisierung häufig anzutreffen ist: dass die technischen Entwicklungen im Wesentlichen so gegeben seien, wie sie uns von den großen Technologiekonzernen präsentiert werden.

„Sehr viele, besonders kritische Menschen gehen bei ihrer Vorstellung davon, was künstliche Intelligenz, was Rechenzentren und was Digitalisierung bedeutet, immer von dem aus, was uns die Tech-Konzerne und die Tech-Brothers vorsetzen.“

Das betreffe insbesondere die Vorstellung, dass die Zukunft zwangsläufig auf immer größere Rechenzentren und einen entsprechend gigantischen Ressourcenverbrauch hinauslaufen müsse. Die entscheidende Frage sei jedoch, wer diese Entwicklung bestimmt und zu welchem Zweck sie eingesetzt wird.

Denn hinter den technologischen Projekten stehen keine abstrakten technischen Notwendigkeiten, sondern konkrete Unternehmen und Kapitalinteressen.

„Wenn die ein System fabrizieren und entwickeln wollen, dann machen sie das nicht aus Menschenfreundlichkeit. […] Sie wollen Profit machen – auf unterschiedliche Art und Weise.“

Für die arbeitenden Menschen bedeute der Einsatz künstlicher Intelligenz deshalb zunächst keineswegs automatisch eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Im Gegenteil: Die Digitalisierung könne zur Rationalisierung, zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und zu einer weiteren Verschärfung der Kontrolle über die Arbeit eingesetzt werden.

Damit stelle sich eine grundsätzliche Frage des Kapitalismus: Was geschieht mit den Produktivkräften, wenn sie nicht gesellschaftlichen Bedürfnissen, sondern der Verwertung des Kapitals untergeordnet sind?

„Für arbeitende Menschen hat künstliche Intelligenz meistens den Effekt, dass sie wieder drohen, in der Arbeitsverwertung […] [unter Druck zu geraten].“

Gerade darin liege ein grundlegender Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise: Die Entwicklung der Produktivkräfte eröffnet enorme Möglichkeiten, kann aber unter kapitalistischen Bedingungen gleichzeitig zu destruktiven Kräften werden.

Wer entscheidet, was technisch möglich ist?

Ein weiterer Punkt der Wortmeldung betraf die verbreitete Berufung auf technische Expert*innen. Natürlich könne niemand das gesamte Wissen der Menschheit in sich vereinigen. Gerade deshalb sei aber Vorsicht geboten, wenn bestimmte technische Entwicklungen als alternativlos dargestellt würden.

„Wir dürfen uns auch nicht auf Experten verlassen, die sagen, dass das nicht möglich ist.“

Denn für jede kritische Wissenschaftlerin und jeden kritischen Wissenschaftler könnten die Konzerne zahlreiche gut bezahlte Expert*innen mobilisieren, die ihre Interessen wissenschaftlich legitimieren.

Daraus folge nicht, wissenschaftliches Wissen abzulehnen. Im Gegenteil: Es gehe darum, Wissenschaft und technisches Wissen gesellschaftlich anzueignen, anstatt sie den Unternehmen und ihren Expert*innenstäben zu überlassen.

Warum nicht über Sozialismus sprechen?

An diesem Punkt wandte sich der Genosse auch gegen die Vorstellung, die Diskussion über eine sozialistische Gesellschaftsordnung sei heute verfrüht.

„Ich glaube, dass die Zeit schon reif dafür ist und notwendig ist, dass wir auch über den Sozialismus sprechen, über die wirkliche Systemalternative.“

Denn gerade künstliche Intelligenz und Digitalisierung könnten unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen einen anderen Charakter annehmen. Eine Technologie, die heute eingesetzt werde, um Arbeitsplätze einzusparen, Arbeitsprozesse zu kontrollieren und Profite zu steigern, könne unter gesellschaftlicher Kontrolle dazu dienen, Arbeitszeit zu verkürzen und die materiellen Möglichkeiten der gesamten Menschheit zu erweitern.

Der Genosse verwies dabei auch auf die bereits heute vorhandenen Möglichkeiten weltweiter Kommunikation. Videokonferenzen und digitale Netzwerke ermöglichen es beispielsweise, mit Menschen in verschiedenen Teilen der Welt unmittelbar zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen.

„Das ist auch ein Wissen, das die sozialistische Arbeiter*innenbewegung früher nicht hatte.“

Die Entwicklung der Produktivkräfte habe der Arbeiter*innenbewegung damit neue Werkzeuge in die Hand gegeben. Entscheidend sei, diese Möglichkeiten nicht dem Kapital zu überlassen, sondern sie gesellschaftlich nutzbar zu machen.

Von der Kritik zur gewerkschaftlichen Antwort

Der Beitrag blieb allerdings nicht bei der großen Perspektive des Sozialismus stehen. Gerade aus der aktuellen Situation müsse eine konkrete Antwort der Arbeiter*innenbewegung entwickelt werden.

Dabei verwies der Genosse auf die bevorstehende Kundgebung der GKK und ihrer Bündnispartner gegen das google-Projekt eines Rechenzentrums in Kronstorf (Oberösterreich) und auf die Notwendigkeit hin, auch gegenüber dem ÖGB konkrete Forderungen zu formulieren: Wie können Beschäftigte vor den Folgen der Rationalisierung geschützt werden? Wer soll über den Einsatz digitaler Technologien im Betrieb entscheiden? Und wem gehören die Produktivitätsgewinne, die durch ihren Einsatz entstehen?

Eine zentrale Sofortmaßnahme sei dabei die Verkürzung der Arbeitszeit:

„Da ist ganz konkret die Sofortmaßnahme der Arbeitszeitverkürzung, die Aufteilung der Arbeit auf alle Hände.“

Wenn künstliche Intelligenz und Digitalisierung die Produktivität erhöhen, dürfe das nicht bedeuten, dass einige Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren, während andere unter zunehmender Arbeitsverdichtung leiden und die Kapitalbesitzer die Produktivitätsgewinne einstreichen.

„Produktivitätsfortschritt muss Arbeitszeit verkürzen – nicht Arbeitsplätze vernichten“.

Das sei eine Forderung, die bereits innerhalb des Kapitalismus erkämpft werden könne und deshalb einen konkreten Ausgangspunkt für den weiterführenden Widerstand der Arbeiter*innenbewegung darstelle. Dass ihre Verwirklichung auf erbitterten Widerstand des Kapitals stoßen wird, ist ebenfalls klar.

Und schließlich müsse auch die Frage der technischen Infrastruktur selbst gestellt werden. Es sei keineswegs ausgemacht, dass die gesellschaftliche Nutzung künstlicher Intelligenz zwangsläufig die gigantischen Rechenzentren erfordere, die derzeit von den Tech-Konzernen geplant und gebaut werden.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie viel Technologie können wir bekommen? Sondern: Wer kontrolliert sie – und wofür wird sie eingesetzt?