Blut für Öl, Armut für die Massen: Wie der Krieg gegen den Iran bis in die Geldbörsen der Arbeiter*innen in Österreich reicht

Der Krieg gegen den Iran begann nicht erst mit den Bomben auf Teheran. Er begann an einem anderen Ort: in den Bilanzen der Konzerne, in den stockenden Profiten der großen Energiekapitalien, in einer Weltwirtschaft, die seit Jahren in Richtung Krise taumelt. Wenn die Verwertung ins Stocken gerät, sucht sich das Kapital gewaltsam neue Wege – und einer dieser Wege führt heute über den Persischen Golf.

Mit den Angriffen der USA und Israels im Frühjahr 2026 wird diese Logik brutal sichtbar. Der Luftraum über der Golfregion wird militarisiert, zivile Flugverbindungen brechen zusammen, Handelsrouten geraten ins Wanken. Doch das eigentliche Epizentrum der Erschütterung liegt im Meer: in der Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels fließt. Als der Verkehr dort massiv einbricht, reagiert der Markt sofort – nicht rational, sondern panisch. Die Preise schießen nach oben.

Öl als Grundlage der Produktion

Was sich hier vollzieht, ist kein technischer Vorgang, sondern ein Klassenprozess. Öl ist die materielle Grundlage der kapitalistischen Produktion. Steigt sein Preis, verteuert sich nicht nur das Tanken, sondern der gesamte gesellschaftliche Reproduktionsprozess: Transport, Industrie, Landwirtschaft, schließlich auch die Lebensmittel. Innerhalb weniger Wochen klettern die Energiepreise, Gas verteuert sich massiv, und die Inflation beginnt erneut zu steigen.

In Österreich erscheint das als abstrakte Zahl: 3,1 % Inflation im März. Doch diese Zahl ist nichts anderes als die verdichtete Form einer sozialen Realität. Sie bedeutet teurere Heizkosten für Haushalte, höhere Ausgaben für Pendler*innen, steigende Preise im Supermarkt. Währenddessen erklären die führenden Ökonomen des Landes, Eingriffe seien „noch verfrüht“. Die Botschaft ist klar: Die Kosten des Krieges sollen getragen werden – nur nicht von denen, die ihn politisch und ökonomisch vorantreiben.

Die Auswirkungen der sich abzeichnenden Energiepreise fressen sich schon unmittelbar in den Alltag hinein – bis hinein in das, was täglich auf dem Teller landet. In Wien beginnen die Auswirkungen des Krieges bereits spürbar zu werden.

Wie der Krieg zum Diskonter kommt

Die Landwirtschaft steht dabei exemplarisch für die Kettenreaktion der kapitalistischen Produktion. Steigende Energiepreise treffen hier gleich mehrfach: Diesel für Traktoren, Gas für Gewächshäuser, teurere Verpackungen durch steigende Papier- und Kunststoffpreise. Innerhalb kürzester Zeit sind die Produktionskosten laut Landwirtschaftskammer um 15 bis 20 % gestiegen.

Was in den Bilanzen als „Kostensteigerung“ erscheint, wird im nächsten Schritt zur sozialen Realität: Die Agrarproduzenten geben die Preise weiter – und zwar unmittelbar. Anders als in anderen Branchen gibt es hier oft keine langfristigen Verträge, sondern Wochenpreise. Das bedeutet, dass die Verteuerung ohne Verzögerung im Supermarktregal ankommt – und auf unbestimmte Zeit bleibt.

Damit zeigt sich der Mechanismus in seiner reinsten Form. Der Krieg verteuert Energie. Energie verteuert Produktion. Produktion verteuert Lebensmittel. Und am Ende steht nicht eine abstrakte Kennzahl, sondern die konkrete Erfahrung: dass selbst grundlegende Nahrungsmittel teurer werden.

Besonders zynisch ist dabei, dass selbst dort, wo „heimische Produktion“ als Vorteil angepriesen wird, die Preise steigen – wenn auch etwas langsamer als bei importierter Ware, die zusätzlich durch teureren Transport belastet wird. Die gesamte Struktur ist betroffen. Es gibt kein Ausweichen, keinen „sicheren“ Markt.

Was hier sichtbar wird, ist die nackte Logik des Systems: Selbst die elementarsten Bedürfnisse – Essen, Heizen, Mobilität – sind dem Profitprinzip untergeordnet. Gerät dieses System durch Krieg ins Wanken, wird die Unsicherheit nicht beseitigt, sondern weitergereicht – bis sie als steigender Preis im Alltag der Lohnabhängigen ankommt.

Wir zahlen – die Konzerne profitieren

Während die Preise steigen, sichern die großen Energiekonzerne ihre Margen. Versicherungen erhöhen ihre Prämien, Finanzakteure treiben die Spekulation an. Der Krieg wirkt hier nicht als Störung, sondern als Beschleuniger: Er ermöglicht eine massive Umverteilung von unten nach oben. Was die einen an der Tankstelle verlieren, landet in den Bilanzen der anderen.

So wird Inflation zu dem, was sie im Kapitalismus immer wieder ist: eine Form der Enteignung. Löhne passen sich nur verzögert an, Ersparnisse verlieren an Wert, die reale Kaufkraft sinkt. Für die Arbeiterklasse bedeutet das einen schleichenden Angriff auf ihre Lebensbedingungen – einen Angriff, der nicht offen als solcher erscheint, sondern als „Sachzwang“, als „äußere Krise“, als unvermeidliche Folge eines fernen Krieges.

Doch dieser Krieg ist weder fern noch unvermeidlich. Er ist Ausdruck der Konkurrenz imperialistischer Mächte um Ressourcen, Einflusszonen und Profite. Die Kontrolle über Energiequellen bleibt dabei ein zentrales Moment. Dass dabei ganze Regionen destabilisiert und Millionen Menschen in Armut gestürzt werden, ist kein Kollateralschaden, sondern Teil der Rechnung.

Iran: die Arbeiter*innen zwischen zwei Mühlsteinen

Gleichzeitig zeigt sich im Iran selbst die andere Seite dieser Ordnung. Dort steht die arbeitende Bevölkerung zwischen zwei Fronten: der militärischen Aggression von außen und einem Regime im Inneren, das die Krise auf seine eigene Weise auf die Massen abwälzt – durch Inflation, Repression und die systematische Umverteilung zugunsten der herrschenden Elite. Der Krieg verschärft diese Dynamik, er diszipliniert die Bevölkerung und stabilisiert kurzfristig die Machtverhältnisse.

So verbindet sich das Geschehen im Mittleren Osten direkt mit dem Alltag in Europa. Die höheren Preise in Wien, Graz, Linz  oder Attnang-Puchheim sind nicht einfach „Folgen des Marktes“, sondern Ausdruck einer globalen Ordnung, in der die Kosten der Krise systematisch nach unten weitergereicht werden. Österreich als energieimportabhängiges Land ist dabei besonders anfällig – doch entscheidend ist nicht nur die internationale Position, sondern die Klassenstruktur im Inneren. Während Unternehmen Kosten weitergeben können, sind Lohnabhängige ihnen ausgeliefert.

Der Krieg gegen den Iran zeigt damit in konzentrierter Form, wie der Kapitalismus im 21. Jahrhundert funktioniert: Er produziert Krisen, reagiert auf sie mit Gewalt und lässt die Rechnung von denen bezahlen, die keinen Einfluss auf seine Entscheidungen haben.

Reformistische Plazebos gegen kapitalistische Schmerzen

Wer diesen Zusammenhang versteht, erkennt auch die Grenzen aller scheinbaren Lösungen. Weder Preisdeckel noch kurzfristige Entlastungspakete packen das Problem an der Wurzel. Solange Energie, Transport und Produktion den Profitinteressen untergeordnet bleiben, weil sie in den Händen einer kleinen kapitalistischen Minderheit konzentriert sind, wird jede Krise – ob Krieg oder Rezession – erneut auf die arbeitende Bevölkerung abgewälzt.

Die Alternative kann deshalb nicht in der Wahl zwischen verschiedenen Lagern innerhalb dieses Systems bestehen. Weder die imperialistischen Angreifer noch die reaktionären Regime der Region vertreten die Interessen der Arbeiterklasse. Die einzige Perspektive liegt in ihrer internationalen Organisierung – in einem gemeinsamen Widerstand gegen Krieg, Teuerung und Ausbeutung. Eine andere, eine sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird die Beobachtung von Öl- und Gaspreisen obsolet machen, weil eine demokratische, d.h. an den wirklichen Bedürfnissen der Bevölkerung und nicht an der Profitgier einer handvoll Kapitalist*innen orientierte,  geplante Wirtschaft Lösungen für die Energiegewinnung ohne Zerstörung der Umwelt finden wird.

Der Kampf gegen den Krieg ist untrennbar mit dem Kampf gegen seine sozialen Folgen verbunden. Im Zeitalter des Imperialismus gibt es keine „Insel der Seligen“. Die österreichische Arbeiter*innenbewegung muss erkennen, dass ihr Schicksal untrennbar mit dem ihrer Klassenbrüder- und Schwestern überall auf der Welt verbunden ist. Der imperialistischen Barbarei müssen wir auch hier den Internationalismus des Proletariats entgegensetzen!