Der Kollektivvertragsabschluss im Handel vom 24.11.2025 ist ein Musterbeispiel dafür, wie weit der ÖGB-Apparat inzwischen von den Lebensinteressen der Lohnabhängigen entfernt ist. In einer der größten Niedriglohnbranchen des Landes, in der Zehntausende unter der Armutsgefährdungsschwelle leben, wird das dritte Jahr in Folge ein Reallohnverlust unterschrieben – und die Gewerkschaftsspitze verkauft das Ergebnis als „nachhaltige Gehaltserhöhung“.
Die Mindestgehälter steigen ab 1. Jänner 2026 um 2,55 %. Das liegt klar unter der Inflation und verschlechtert die Lage der Beschäftigten weiter. Dass die betragsmäßige Überzahlung „aufrecht bleibt“, ist keine Errungenschaft, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit sein, über die gar nicht geredet werden müsste. Aber immerhin, auch da hat die GPA gekämpft wie ein lahmer Löwe: „Es wird auf den nächsten vollen Euro gerundet!“. (Presseaussendung der GPA vom 24.11.)
Die Bürokratie betont stolz, dass es keine Einmalzahlungen gebe und die Erhöhung „dauerhaft wirke“. Doch eine zu niedrige dauerhafte Erhöhung bleibt eine zu niedrige Erhöhung – sie macht die Preissteigerungen nicht ungeschehen, sondern zementiert den Reallohnabbau, und zwar dauerhaft!
Auch die angepriesenen „Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen“ entpuppen sich bei genauer Betrachtung als klassische Flexibilisierung im Interesse des Kapitals. Die Möglichkeit, die Arbeitszeit bei regelmäßiger Mehrarbeit zu erhöhen, ist kein Fortschritt, sondern eine Intensivierung der Verwertung der Ware Arbeitskraft. Die Aufweichung der Samstagsregel eröffnet neue Spielräume für Druck auf die Beschäftigten. Und die Erhöhung des Lehrabschlussbonus um ein paar Hundert Euro ersetzt keine strukturellen Verbesserungen im Handel. Hier wird den jungen Angestellten eine klare Botschaft vermittelt: „Seid ihr brav, gehorsam und angepasst, gibts ein Zuckerl“.
Der eigentliche Skandal liegt in der Logik dieses Abschlusses. Die Nachverhandlungen waren vorgesehen, um die Beschäftigten vor hoher Inflation zu schützen. Heute dienen sie dazu, einen nominellen Zuwachs des Vorjahres wieder zu kassieren. Die Preise steigen weiter, die Gewinne im Handel ebenfalls – und die Löhne fallen real.
Der Grund dafür ist nicht in der „wirtschaftlichen Lage“ zu suchen, sondern in der sozialpartnerschaftlichen Ausrichtung des Gewerkschaftsapparats. Die GPA ist bereits mit einer Forderung unter der Inflation in die Verhandlungen gegangen. Damit war der Reallohnverlust bereits vorprogrammiert. Sozialpartnerschaft heißt nicht „Ausgleich der Interessen“, sondern Unterordnung: Die Bedürfnisse des Kapitals bilden den Ausgangspunkt, und die Gewerkschaftsbürokratie darf in einem engen Rahmen die Ausbeutung behübschen. Heuer hat nicht einmal das funktioniert.
Gerade deshalb kommt dem Sozialbereich, wo sich Unruhe und Kampfbereitschaft entwickeln, besondere Bedeutung zu. Dort entscheidet sich, ob der KV-Herbst vollständig zur Bankrotterklärung wird – oder ob ein Bruch mit der Passivität der Apparate erzwungen werden kann.
Denn klar ist: Ohne eine Rückeroberung der Gewerkschaften durch die Basis, ohne einen Bruch mit der sozialpartnerschaftlichen Logik und ohne die bewusste Organisierung eines klassenkämpferischen Pols wird jeder weitere Abschluss denselben Weg gehen. Der Handel zeigt es deutlich: Schlimmer geht immer – solange die Lohnabhängigen nicht selbst das Wort ergreifen und ihre Interessen selbstorganisiert vertreten!



