Wissen, wogegen man ist – und vor allem, wofür man ist

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Einladung zur Diskussionsreihe „Einführung in den Marxismus“

Wir erleben zurzeit in Österreich eine politische Krise der herrschenden Klasse, die in der Geschichte der 2. Republik ihresgleichen sucht: Regierungsmitglieder werden von der Staatsanwaltschaft “als Beschuldigte” geführt, andere straucheln über banalere Verfehlungen wie offensichtlich abgekupferte und hingeschluderte Diplom- und Doktorarbeiten, Höchstrichter geraten in Korruptionsverdacht, “graue Eminenzen” aus dem Umfeld der Türkisen werden in Ministerien suspendiert. Gleichzeitig versucht ein Bundeskanzler, der offensichtlich von Tag zu Tag mehr den Bezug zur Realität verliert, ohne Rücksicht auf Verfassung und parlamentarische Legitimation seinen jeweiligen impulsiv beschlossenen Weg zu gehen. Sekundiert wird ihm von einem ausgemusterten Bundesheerleutnant mit Politikcoacherfahrung bei der ÖVP, der die autoritären Gelüste seines Herrn mit entsprechenden Polizeimaßnahmen unterstützt. “Nach links prügeln, nach rechts salutieren” ist die Parole. Während man Kinder abschiebt und demonstrierende Schüler*innen mit Hunden und Tränengas traktiert, marschieren Neonazis, Faschist*innen, bigotte Scheinheilige und Verschwörungstheoretiker*innen bei ihren Spreaderevents ungehindert durch die Straßen.

Mittlerweile breitet sich das Coronavirus samt seinen Mutationen weiter aus. Aber so, wie man in Tirol im vergangenen Jahr und heuer im Winter vor der Seilbahn- und Tourismuslobby – Hauptsponsoren von Kurz und seiner türkisen Bande – kapituliert hat, zeichnet sich eine weitere Kapitulation vor den Profitinteressen des heimischen Kapitals ab. Während den Menschen soziale Kontakte im Privatbereich weitgehend unmöglich gemacht wurden und werden, spielt die Infektionsgefahr keine Rolle, wenn die Leute arbeiten sollen. Außer schönen Worten haben die “Held*innen der Arbeit” – in der Pflege, im Verkauf, in der Logistik, im Transportwesen, in den Schulen und Universitäten – von den ominösen 40 Milliarden des Herrn Kurz nichts gesehen. 

Die Corona-Krise hat wie ein Rauchvorhang verschleiert, dass die zyklische Krise des kapitalistischen Systems, die sich bereits 2019 angekündigt hat, der eigentliche  Kern der Misere ist, die durch die Pandemie nur extrem zugespitzt wurde.

Während über den “Einbruch beim Wintertourismus” gejammert wird,  schweigt die Regierung zu den 2 200 Beschäftigten bei MAN Steyr, die gekündigt werden; kein Interesse auch am Schicksal der zumindest 1 600 Arbeiter*innen bei Swarowski am Standort Wattens (obwohl sich die Eigentümer mit 12 Millionen Euro die “Kurzarbeit” ihrer Beschäftigten vergolden ließen); oder die Schließung von ATB in Spielberg, wo 360 Arbeiter*innen ihre Arbeitsplätze verlieren; oder die Massenkündigungen beim Flugzeugzulieferer FACC (600 Arbeiter*innen und Angestellte). Diese nackten, abstrakten Zahlen stehen für das Schicksal ganzer Regionen, die von den Gekündigten abhängig sind. Wer spricht über die Familien, die bald aus ihren Werkswohnungen geworfen werden? Die spezialisierten Facharbeiter*innen, die mit einem mageren Arbeitslosengeld die Kredite für ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr bedienen werden können?

Aber vergessen wir nicht – in der Regierung gibt es ja noch den grünen Juniorpartner. Das Argument “Türkis-blau wäre noch schlimmer” ist so schönfärberisch wie falsch. Der türkise Nehammer ist der vollwertige Ersatz für den blauen Herbert Kickl, bloß mit einem etwas weltmännischeren Auftreten und ohne Bezug zum Neonazi-Rand der Gesellschaft. Aus Freude darüber, endlich mitregieren zu können, haben die Kogler und Maurer alles über Bord geworfen, womit sie sich vor den Wahlen einen “linken” Anstrich gegeben haben. Loyal stimmen sie im Parlament mit den Türkisen, deren Vision autoritär und antiparlamentarisch ist. 

Die FPÖ nutzt die politische Konjunktur, um plötzlich als Partei, die die “Freiheit” verteidigt, aufzutreten. Die gleiche FPÖ, die seit Jahren Demonstrationsverbote gefordert hat, macht sich jetzt zur Anwältin durch die Straßen marodierender Coronaschwurbler*innen und ihrer faschistischen Stichwortgeber*innen. Die “Freiheit”, die Kickl und seine identitären-affinen Kumpane à la Schnedlitz meinen, endet bei der Nasenspitze ihrer Gefolgschaft. Das Recht, andere mit dem Corona-Virus anzustecken, jede soziale Verantwortung zurückzuweisen – das steckt hinter der “Freiheitsdemagogie” der blauen.

Das Gefährliche an dieser Entwicklung: Erstmals (abgesehen von den Borodajkewicz-Demonstrationen in den 60er Jahren) gelingt es den faschistoiden und “patriotischen” Reaktionären, auf den Straßen zu mobilisieren. Damit nimmt die Gefahr durch diesen politischen Flügel des Klein- und Großbürgertums zu.

Die Sozialdemokratie, die jahrelang allein oder gemeinsam mit der ÖVP (einmal sogar mit der FPÖ!) den bürgerlichen Staat verwaltet hat, ist nach wie vor mit der Rolle der Opposition überfordert. Ihr wichtigstes Standbein in der arbeitenden Bevölkerung, der ÖGB und seine Teilgewerkschaften, ist durch Jahrzehnte der Sozialpartnerschaft von einer potenziellen Kampforganisation zum konstruktiven Unterstützer des Kapitalismus geworden. Gerade in der jetzigen Situation wäre es notwendig, die Lohnabhängigen für ihre Forderungen zu mobilisieren, der steigenden Arbeitslosigkeit durch die Durchsetzung einer spürbaren Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnverlust entgegenzutreten. 

Der Zickzackkurs der Regierung bei der Pandemiebekämpfung, gepaart mit den Angriffen auf die demokratischen Errungenschaften der arbeitenden Bevölkerung, die Unterstützungsmaßnahmen für das große Kapital und die Belastungen für diejenigen, die mit ihrer Arbeitskraft die Profite schaffen (oder auf die Straße gesetzt werden, wenn Betriebe nicht mehr profitabel genug für die privaten Eigentümer sind) zeigen klar: Das bestehende kapitalistische System ist (nicht nur in Österreich) unfähig, die Probleme der Menschheit zu lösen.  Im Gegenteil, es ist die Ursache dieser Probleme.

Wir wollen dieses weltweite Unrechtssystem stürzen; wir wollen eine Welt errichten, in der die Menschheit frei von Not, Naturzerstörung, Unterdrückung leben kann. Eine Welt, in der viel Kraft dafür aufgewendet wird müssen, die Folgen der jahrhundertelangen kapitalistischen Ausbeutung von Mensch und Natur “zurückzubauen”.

Um diesen Kampf führen zu können, brauchen wir das theoretische Rüstzeug. “Know your enemy”, ist die Parole.

Daher bieten wir ab Dienstag, 2. März, eine Einführung in den Marxismus an.

Der erste Abend wird sich anhand des 1917 vor der Oktoberrevolution von W.I.Lenin verfassten Buchs “Staat und Revolution” mit der marxistischen Lehre vom Staat beschäftigen.

An den Folgeabenden wollen wir den Weg vom Sozialismus zu einer klassenlosen Gesellschaft diskutieren.

Der nächste Block wird anhand von Auszügen aus Friedrich Engels Buch “Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft” mit den philosophischen Grundlagen des Marxismus und der Wirtschaftstheorie beschäftigen.

Der abschließende Block der Einführungsabende wird sich mit der Ideengeschichte des Sozialismus beschäftigen, hier ist Engels “Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft” die Grundlage.

Alle Texte sind im Internet zu finden – im Folgenden die Links

Staat und Revolution

Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft

Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft

Selbstverständlich sind alle diese Texte auch in Buchform erhältlich!

Derzeit finden unsere Einführungsabende in den Marxismus “virtuell” jeden Dienstag ab 19.30 statt.  Wir verwenden die end-to-end-verschlüsselte Plattform Jitsi. Dafür ist keine Programminstallation auf euren Desktops nötig, für Handys und Tablets gibt es Jitsi als App gratis in den Webshops eurer Anbieter. Webcam und Mikrofon sind notwendig, ihr könnt aber sowohl Bild als auch Ton abschalten, wenn ihr nur zuhören wollt.

Wenn es gesundheitlich vertretbar ist, wollen wir die Marxismus-Einführung natürlich auch wieder persönlich anbieten – wir warten jetzt einmal den weiteren Pandemie-Verlauf ab.

Bitte gebt eine Handynummer oder eine Mailadresse bekannt, an die wir euch an den Dienstagen ab 19.00 Uhr den Zugangslink schicken können!