Die Wolke kennt keine Unfälle – DIE BAUSTELLE SCHON!

Nicht in der Cloud: Gearbeitet wird immer noch am Boden. Oder in luftiger Höhe.

Der weltweite Ausbau der digitalen Infrastruktur hat eine neue industrielle Goldgräberstimmung ausgelöst. Google, Microsoft, Amazon und andere Technologiekonzerne investieren Milliarden in den Bau riesiger Rechenzentren. Sie bilden das materielle Rückgrat der Cloud-Dienste und der künstlichen Intelligenz. Regierungen konkurrieren um die Ansiedlung dieser Anlagen, versprechen Investitionen und Arbeitsplätze und stellen dafür vielfach öffentliche Ressourcen bereit.

Doch wer baut diese digitale Infrastruktur? Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen, die sie errichten und am Laufen halten? Und was haben die Gewerkschaften dazu zu sagen?

Eine am 30. Oktober 2026 veröffentlichte fünfmonatige Recherche von Investigate Europe und seinen Medienpartnern liefert dazu erschreckende Einblicke.

Die Schattenseiten des KI-Booms

Die Journalist*innen untersuchten Arbeitsbedingungen auf Baustellen von Rechenzentren in mehreren europäischen Ländern. Ihre Recherche dokumentiert schwere Arbeitsunfälle, ausstehende Löhne, überlange Arbeitszeiten, mangelhafte Unterkünfte und Einschüchterungsversuche gegenüber Beschäftigten.

Besonders deutlich wird das am Beispiel eines Microsoft-Rechenzentrums im schwedischen Gävle. Dort arbeiteten zahlreiche migrantische Beschäftigte über ein Geflecht von Subunternehmen. Lohnabrechnungen und Aussagen der Arbeiter zeigen Arbeitswochen von bis zu 60 Stunden, teilweise ohne angemessene Überstundenvergütung. Beschäftigte berichteten von unzureichenden Unterkünften und einem Klima der Angst. Gewerkschaften versuchten vergeblich, Zugang zu den Baustellen zu erhalten und mit den Arbeiter*innen ins Gespräch zu kommen.

Die Dimension dieser Subunternehmerketten ist bemerkenswert: Bei einem Projekt in Gävle wurden 148 Unternehmen erfasst, darunter 28 direkte Subunternehmen des Hauptauftragnehmers. Wer für wen arbeitet und wer letztlich für die Arbeitsbedingungen verantwortlich ist, wird dadurch schwer durchschaubar.

Auch auf einer Google-Baustelle im belgischen Saint-Ghislain kam es zu einem schweren Arbeitsunfall. Ein rumänischer Elektriker erlitt schwerste Verbrennungen, nachdem er nach eigener Darstellung unter Zeitdruck Arbeiten an einer Anlage ausführte, die entgegen der erhaltenen Information noch unter Spannung stand.

Die Recherche zeigt: Hinter den glänzenden Versprechen einer technologischen Zukunft stehen Arbeitsverhältnisse, die von prekärer Beschäftigung, migrantischer Arbeitskraft und einer weitreichenden Aufsplitterung der Verantwortung geprägt sein können.

Die Konzerne verweisen auf ihre Sicherheitsstandards und die Verpflichtung ihrer Auftragnehmer zur Einhaltung der Arbeitsgesetze. Doch solche Erklärungen ändern nichts daran, dass die langen Subunternehmerketten die Kontrolle und gewerkschaftliche Organisierung erheblich erschweren.

Gewerkschaften zwischen Beschäftigung und Kritik

Die Gewerkschaften stehen vor einem widersprüchlichen Problem. Der Bau von Rechenzentren schafft Arbeitsplätze: Elektriker*innen, Installateur*innen, Bauarbeiter*innen und zahlreiche weitere Beschäftigte werden benötigt. Gerade Baugewerkschaften sehen darin eine Möglichkeit, Beschäftigung und gewerkschaftlich organisierte Arbeit zu sichern.

Gleichzeitig wächst die Kritik an den Arbeitsbedingungen, der privaten Verfügung über öffentliche Ressourcen und den Auswirkungen der KI auf andere Beschäftigungsbereiche.

In den USA wurde diese Spannung auf dem Gewerkschaftskongress der AFL-CIO im Juni 2026 sichtbar. Die Dachorganisation beschloss eine Resolution, die gewerkschaftlich organisierte Arbeit beim Bau und Betrieb von Rechenzentren fordert. Die Technologiekonzerne sollen außerdem ihren angemessenen Anteil an den Kosten für Energie, Wasser und öffentliche Infrastruktur tragen. Gemeinden und Beschäftigte sollen bei Entscheidungen über die Ansiedlung und den Betrieb der Anlagen berücksichtigt werden.

Zugleich verlangte die AFL-CIO, dass die Beschäftigten Einfluss darauf erhalten, wie und ob KI und andere neue Technologien entwickelt und eingesetzt werden.

Diese Positionen zeigen die unterschiedlichen Interessen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Während ein Teil der Beschäftigten von den Investitionen unmittelbar profitiert, sehen andere ihre Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und ihre berufliche Zukunft durch dieselben technologischen Entwicklungen bedroht.

Es wäre jedoch falsch, diese Interessen gegeneinander auszuspielen. Die Bauarbeiter*innen, die heute die Rechenzentren errichten, und die Beschäftigten, deren Tätigkeiten morgen durch KI rationalisiert werden sollen, gehören derselben Klasse an. Ihre Interessen müssen gemeinsam vertreten werden.

Auch die Beschäftigten der KI-Konzerne organisieren sich

Dass der Widerstand nicht auf die klassischen Industriebereiche beschränkt bleibt, zeigt ein Beispiel aus Großbritannien.

Beschäftigte von Google DeepMind in London haben 2026 eine gewerkschaftliche Organisierung vorangetrieben. Mitglieder der Gewerkschaft Communication Workers Union (CWU) stimmten mit 98 Prozent für die Forderung nach gewerkschaftlicher Anerkennung. Die Unternehmensleitung lehnte eine freiwillige Anerkennung zunächst ab, erklärte sich aber zu Gesprächen unter Vermittlung der Schlichtungsstelle ACAS bereit.

Die Beschäftigten verlangen nicht nur eine demokratische Vertretung am Arbeitsplatz. Sie wenden sich auch gegen die Verwendung ihrer Arbeit für bestimmte Waffen- und Überwachungstechnologien. Außerdem fordern sie ein Recht auf moralische Verweigerung bestimmter Projekte und eine unabhängige ethische Kontrollinstanz.

Hier wird ein Konflikt sichtbar, der über die traditionellen Fragen von Lohn und Arbeitszeit hinausgeht: Wer entscheidet darüber, wofür die Arbeit der Beschäftigten eingesetzt wird?

Auch die internationale Gewerkschaftsbewegung beschäftigt sich zunehmend mit diesen Fragen. Die UNI Global Union forderte im Dezember 2025 angesichts der angekündigten Massenentlassungen bei Amazon, dass Arbeitsplatzabbau und die Einführung von KI Gegenstand kollektiver Verhandlungen werden müssen. Produktivitätsgewinne dürften nicht allein den Konzernleitungen und Aktionären zugutekommen.

Die Internationale Gewerkschaftskonföderation (IGB/ITUC) warnte im Februar 2026 ebenfalls vor Arbeitsplatzverlusten, Arbeitsverdichtung und verstärkter Überwachung durch KI. Sie verwies außerdem auf die oft prekären Arbeitsbedingungen jener Beschäftigten, die durch Datenaufbereitung, Kennzeichnung und Moderation überhaupt erst die Entwicklung und den Betrieb vieler KI-Systeme ermöglichen.

Wem gehört die digitale Zukunft?

Die Auseinandersetzungen um die Hyperscaler machen einen grundsätzlichen Widerspruch deutlich.

Die Errichtung und der Betrieb der digitalen Infrastruktur beruhen auf der Arbeit tausender Menschen. Hinzu kommen öffentliche Investitionen, Energie- und Wasserversorgung, Verkehrswege und weitere gesellschaftliche Ressourcen. Die wirtschaftlichen Erträge und die Verfügung über diese Infrastruktur liegen jedoch weitgehend in den Händen privater Konzerne.

Die Beschäftigten tragen die Risiken der Produktion, während die Eigentümer über Investitionen, technische Entwicklung und Verwendung der geschaffenen Produktivitätsgewinne entscheiden.

Gewerkschaftliche Forderungen nach sicheren Arbeitsplätzen, Tarifverträgen, besseren Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung sind deshalb notwendig. Sie reichen jedoch nicht aus, solange die grundlegenden Entscheidungen über die digitale Infrastruktur den privaten Kapitalinteressen untergeordnet bleiben.

Es geht nicht darum, technische Entwicklung zu verhindern oder die Beschäftigten in den Rechenzentren gegen jene in anderen Wirtschaftszweigen auszuspielen. Es geht darum, die technischen Möglichkeiten für die gesellschaftlichen Bedürfnisse nutzbar zu machen, statt sie der privaten Profitproduktion zu unterwerfen.

Dafür braucht es eine gemeinsame Organisierung aller betroffenen Beschäftigten: auf den Baustellen, in den Rechenzentren, bei den Cloud-Diensten und in der Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Die digitale Zukunft darf nicht den Aktionären von Google, Microsoft und Amazon gehören. Diejenigen, die sie schaffen und betreiben, müssen über ihre Verwendung bestimmen können.

Quellen und weiterführende Lektüre