„Du bist nicht arm. Du bist nur noch nicht ausreichend investiert“.
Das ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, die Botschaft, die Erste-Bank-Chefin Gerda Holzinger-Burgstaller im STANDARD-Interview vermittelt. Die Regierung plant ein steuerbegünstigtes „Zukunftsdepot“, Junge möglichst früh mit dem Wertpapiermarkt vertraut gemacht werden. Und nach 18 Jahren könne man „durchaus auf kleinere Vermögen kommen“.
Das klingt fast wie ein Märchen aus der Finanzwelt: Ein bisschen Geduld, ein bisschen Aktien, und schon wächst das Vermögen. Noch schöner wäre es, wenn der Staat jedem Kind gleich 1.000 Euro Startkapital mitgäbe.
Nicht mehr: Jedem Kind ein gutes Leben.
Sondern: Jedem Kind ein Wertpapierdepot.
Nicht mehr: Wohnen muss leistbar sein.
Sondern: Nach 18 Jahren kann man auf kleinere Vermögen kommen.
Und wenn es mit dem Vermögensaufbau nicht klappt? Dann fehlt offenbar vor allem eines: Finanzbildung.
Denn genau darin liegt der bemerkenswerte Perspektivwechsel. Ein gesellschaftliches Problem – stagnierende Einkommen, steigende Wohnkosten und die enorme Ungleichheit beim Vermögen – wird zur individuellen Bildungsfrage. Wer wenig besitzt, muss offenbar nur besser verstehen, wie der Kapitalmarkt funktioniert.
Dass Banken von möglichst viel Geld, das auf den Kapitalmarkt wandert, nicht völlig uneigennützig profitieren könnten, weist die Bankchefin zurück. Schließlich seien die vorgesehenen Beträge klein. Und überhaupt: Banken seien heute „Teil der Lösung und nicht Teil des Problems“.
Nach der Finanzkrise ist das ungefähr so überzeugend wie die Erklärung eines Brandstifters, er sei inzwischen der Freiwilligen Feuerwehr beigetreten.
Bemerkenswert ist auch die Konsequenz: Nachdem ein überdimensionierter Finanzsektor 2008 erhebliche Schäden angerichtet hat, lautet die Antwort nun offenbar: mehr Kapitalmarkt, mehr Wertpapiere, mehr Finanzbildung.
Der alte Traum von der allgemeinen Wohlstandsgesellschaft wird also neu aufgelegt. Nur mit einer kleinen Änderung: Für den Wohlstand ist jetzt jeder selbst verantwortlich.
Und wenn es nicht klappt?
Dann war es eben mangelnde Finanzbildung.



