Als Ende Februar 2026 (März 1404 nach persischem Kalender) die Universitäten im Iran nach der Winterpause wieder öffneten, kehrte auf die Campusse nicht der „Normalbetrieb“ zurück, den das Regime erzwingen wollte. Stattdessen wurden die Hochschulen erneut zu Orten offener Konfrontation. In Teheran, Mashhad und anderen Städten versammelten sich Studierende, um der Tausenden zu gedenken, die bei den Massakern Anfang Januar durch die Repressionsorgane der Islamischen Republik getötet worden waren. Die Wiedereröffnung der Universitäten fiel mit dem vierzigsten Tag nach den Massakern zusammen – einem Tag, der im Iran traditionell dem kollektiven Gedenken dient und seit Jahrzehnten immer wieder für politisch symbolträchtige Aktionen verwendet wird.
Aus Trauer wird Wut wird Protest
Was als Trauer begann, verwandelte sich rasch in Protest. Über mehrere Tage hinweg kam es an zahlreichen Universitäten zu Kundgebungen, bei denen Studierende offen das Regime, seine Sicherheitskräfte und Ali Khamenei selbst für die Verbrechen verantwortlich machten. Die Parolen, die über die Campusse schallten, ließen keinen Zweifel an der politischen Stoßrichtung: Forderungen nach Freiheit, nach dem Ende der Diktatur, nach dem Sturz sowohl der islamischen Herrschaft als auch monarchistischer Illusionen. „Tod dem Tyrannen – ob Schah oder Führer“ war ebenso zu hören wie der Schwur, den Kampf im Namen der Ermordeten fortzuführen.
Besonders bemerkenswert war die Breite der Mobilisierung. Proteste wurden aus der Amir-Kabir-Universität, der Sharif-Universität, der Universität Teheran, von Beheshti, Khajeh Nasir, der Universität der Künste, aus Mashhad und anderen Hochschulen gemeldet. Die Universitäten fungierten erneut als politische Brennpunkte – nicht als isolierte akademische Räume, sondern als Kristallisationspunkte einer gesellschaftlichen Krise, die weit über sie hinausreicht.
Das Regime reagierte, wie es immer reagiert, wenn seine Autorität offen in Frage gestellt wird: mit Gewalt und Lügen. Spezialeinheiten, Basij-Milizen und universitäre Sicherheitsdienste gingen mit Schlagstöcken, Tränengas und Pfefferspray gegen die Studierenden vor. Etliche wurden verletzt, andere verhaftet oder bedroht. Gleichzeitig versuchten die staatlichen Medien, die Ereignisse umzudeuten. Aus Protesten sollten angeblich „Trauergruppen mit anti-amerikanischen Parolen“ geworden sein, aus massenhaften Mobilisierungen bloß vereinzelte „Störer“. Diese groteske Umkehr von Täter und Opfer gehört inzwischen zum festen Repertoire der Islamischen Republik.
Doch nicht nur von staatlicher Seite wurde versucht, die Bewegung zu vereinnahmen oder zu verzerren. Parallel zu den Angriffen der Repressionskräfte traten auch royalistische Gruppen in Erscheinung, die versuchten, mit reaktionären Parolen wie „Tod den Linken“ die Proteste in eine andere Richtung zu drängen. Auch diese Versuche stießen auf Widerstand. An mehreren Universitäten positionierten sich Studierende ausdrücklich gegen jede monarchistische Instrumentalisierung ihres Kampfes und machten klar, dass ihr Ziel weder die Rückkehr des Schah-Regimes noch ein kosmetischer Machtwechsel durch sogenannte „Republikaner“ ist.
Imperialistische Medienkampagne gegen die Massen
Wie schon bei den letzten Protesten versuchen internationale kapitalistische Medienkonzerne außerhalb des Iran den Eindruck zu erwecken, dass die iranischen Werktätigen, die Studierenden, die Frauen, die prekär beschäftigten Jugendlichen und die unterdrückten nationalen Minderheiten gierig nach einem aus dem Ausland orchestrierten „Systemwechsel“ sind. Vor allem israelische Stationen haben immer wieder durch gefälschte Videos den Eindruck erwecken wollen, dass der Sohn des blutrünstigen Diktators Reza Pahlavi die Hoffnung der iranischen Bevölkerung sei.
Mit dieser Lügenpropaganda soll nicht nur die Massenbewegung im Iran selbst beeinflusst und manipuliert werden – vor allem soll in den imperialistischen Ländern die Stimmung zugunsten der Akzeptanz eines Militärschlags gegen den Iran beeinflusst werden. Weltweit mischen sich Shah-Anhänger bei Solidaritätsaktionen mit dem Widerstand im Iran unter die Protestierenden, skandieren ihre reaktionären Parolen, die sich fast nie gegen die Mullahs, sondern in erster Linie gegen die „Kommunisten“ richten und beginnen, im Exil lebende Oppositionelle, die an der Seite der iranischen Werktätigen stehen, mit Drohungen einzuschüchtern.
Die Krise spitzt sich zu
Die aktuelle Mobilisierung steht nicht isoliert da. Sie ist Teil einer länger andauernden Protestwelle, die sich aus der sozialen Krise des iranischen Kapitalismus speist: aus Inflation, Massenverarmung, Perspektivlosigkeit für Jugendliche, insbesondere für Hochschulabsolvent*innen. Die Massaker vom Jänner markierten dabei einen qualitativen Einschnitt. Die offene Anwendung militärischer Gewalt gegen Protestierende hat den Widerspruch zwischen breiten Schichten der Bevölkerung und dem theokratischen Staat weiter zugespitzt.
Die Bewegung knüpft an eine lange Tradition an. Schon vor und nach 1979 spielten Studierende im Iran eine zentrale Rolle in politischen Auseinandersetzungen – oft als erste, die offen gegen autoritäre Herrschaftsformen auftraten. Auch diesmal beschränkt sich ihr Kampf nicht auf universitäre Fragen. Er richtet sich gegen die Ökonomisierung der Bildung, gegen geschlechtsspezifische Unterdrückung, gegen die Militarisierung des Alltags und gegen ein System, das keine Zukunft mehr bieten kann.
Gerade darin liegt die politische Bedeutung der Bewegung. Die Studierenden treten nicht als isolierte moralische Instanz auf, nicht als „Generation Z“, die irgendwelche „jugendlichen Teilinteressen“ vertritt, sondern als Teil einer breiteren gesellschaftlichen Dynamik. Ihre Parolen, ihre Forderungen und ihre Bereitschaft zur Konfrontation spiegeln die Erfahrungen ganzer Schichten wider – der lohnabhängigen Jugend, der Prekarisierten, der Frauen, der Armen. Dass sie dabei sowohl der islamischen Diktatur als auch royalistischen und pro-imperialistischen Illusionen eine Absage erteilen, macht deutlich, dass sich im Inneren des Landes eine eigenständige politische Front herausbildet, die aber nur dann siegen kann, wenn sie eine klare revolutionär-proletarische Perspektive hat.
Bereits in den letzten Protestbewegungen hat sich die iranische Arbeiter*innenklasse immer wieder mit ihrer eigenen Stimme hörbar gemacht. Wir haben in der letzten Ausgabe unserer Zeitung KLASSENKAMPF entsprechende Dokumente abgedruckt. Die iranische Bourgeoisie hat die Revolution von 1978/79 überlebt. Angesichts der Bedrohung durch eine soziale Revolution verließ sie sich auf den Klerus und seine faschistischen Banden und letztlich auf die Abhängigkeit vom russischen und chinesischen Imperialismus. 1978/79 kapitulierten etliche stalinistische oder guerrillaristische Organisationen im Namen des „Antiimperialismus“ vor den Mullahs. Wie es in der Erklärung des CoReP zum Iran vom November vergangenen Jahres richtig heißt:
Heute setzen die Opportunisten im Namen der „Demokratie“ auf imperialistische Staaten und bilden sogar einen Block mit den antidemokratischen Royalisten. Kein Vertrauen in die USA oder irgendeine andere imperialistische Bourgeoisie! Bruch mit allen Sektoren der lokalen Kapitalisten!
Ohne eine Partei bolschewistischer Prägung ist die Arbeiter*innenklasse, ganz zu schweigen von den Student*innen, ohne Gedächtnis und ohne Strategie. Die Lehre aus der gesamten Welt- und Nationalgeschichte ist, dass die Arbeiter*innenklasse die Bewegung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten anführen muss. Deshalb braucht es Selbstverteidigungs- und Selbstorganisationsorgane. Deshalb braucht es eine Strategie der permanenten Revolution. Deshalb braucht es eine Partei, die mit den bewussten Arbeiter*innen in allen Ländern verbunden ist.



