Gottes Segen für das Imperium? 

Das Kreuz auf dem Schlachtfeld – Die Rückkehr der sakralen Rhetorik

In den Hallen des Pentagons und auf den Übungsplätzen der US-Streitkräfte vollzieht sich gegenwärtig ein Wandel, der weit über bloße politische Symbolik hinausgeht. Die Rhetorik des US-Militärapparats, die sich einst in die Tradition einer säkularen Republik stellte, hat eine sakrale Wendung vollzogen, die an die Zeit der mittelalterlichen Kreuzzüge erinnert. Wenn Kriegsminister Pete Hegseth die Rettung eines über dem Iran abgeschossenen Piloten explizit mit der Auferstehung Jesu Christi vergleicht und erklärt, dass zwar die Truppen die Arbeit erledigen, „Gott aber den ganzen Ruhm verdient“, dann ist dies kein privates Bekenntnis eines Gläubigen. Es handelt sich um eine strategische Neuausrichtung, welche die imperiale Gewalt moralisch panzert und als metaphysische Nebelkerze dient, um die ökonomischen Expansionsinteressen des Kapitals zu verschleiern.

Diese Entwicklung setzt sich in der ideologischen Formierung der künftigen Elite fort. Die Ernennung von Erika Kirk, der Geschäftsführerin der rechtsradikalen Organisation Turning Point USA und Witwe des ermordeten Jungfaschisten Charly Kirk, in das Aufsichtsgremium der Air Force Academy verdeutlicht den systemischen Charakter dieser Transformation. Hier wird eine Brücke zwischen militärischer Ausbildung und einem gut finanzierten, ideologischen Apparat geschlagen, wobei das Weiße Haus ausdrücklich Kirks „kühnen christlichen Glauben“ als Qualifikation hervorhob. Sogar konservative Kritiker warnen vor der Verwandlung der Streitkräfte in eine „christlich-nationalistische Prätorianergarde“, in der religiöse Loyalität an die Stelle professioneller Expertise tritt. Diese Rhetorik dient dazu, den Gegner im Nahen Osten zu dehumanisieren und den US-Apparat in ein Werkzeug göttlicher Vorsehung zu verklären. Doch wie lässt sich dieses Phänomen begreifen, wenn man den Schleier der theologischen Rechtfertigung lüftet? Diese Rückkehr zum Sakralen ist tief in den Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft verwurzelt.

Die Architektur des Glaubens: Religion als „Seufzer“ und „Opium“

Um die aktuelle US-Politik zu verstehen, müssen wir die Religion als das begreifen, was sie in der Lehre von den materiellen Lebensgrundlagen und ihren Widersprüchen darstellt: eine Reaktion auf reale Not. Wie Wladimir I. Lenin in seinen Schriften zur Religion ausführte, ist der Glaube eine Form des „geistigen Joches“, das auf jenen lastet, die durch lebenslange Arbeit und soziale Vereinsamung niedergedrückt sind. Marx und Lenin gingen – im Gegensatz zu den Behauptungen bürgerlicher Ideologen –  über eine plumpe Religionsfeindlichkeit weit hinaus. Die Religion ist nicht nur ein von oben verabreichtes Betäubungsmittel – das „Opium des Volkes“ oder der „geistige Fusel“, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz ersäufen. Sie ist zugleich, wie Marx es formulierte, der „Seufzer der bedrängten Kreatur“ – ein Ausdruck echter Not in einer „herzlosen Welt“.

In einer Gesellschaft, die durch die anonyme und oft grausame Macht des Marktes gesteuert wird, bietet der Glaube eine Illusion von Sinn. Hier begegnen wir der Entfremdung: jenem Zustand, in dem der Mensch seine eigene Arbeit und seine Umwelt als fremde, unkontrollierbare Mächte erlebt. In dieser Leere gedeihen die Heilsversprechen der herrschenden Klasse. Die Religion lehrt die Ausgebeuteten Demut auf Erden, während sie den Ausbeutern eine billige Rechtfertigung ihres Daseins durch „Wohltätigkeit“ bietet. Der Religion wird so die Funktion zugewiesen, den Schmerz des „Profit erzeugenden Sklaven“ zu lindern, damit dieser weiterhin widerspruchslos funktioniert. Im imperialistischen Kontext wird dieser Mechanismus auf die Außenpolitik übertragen: Materielle Gewalt wird als Werkzeug Gottes umgedeutet, um die moralischen Kosten der Kriegsführung für die Bevölkerung erträglich zu machen.

„Deus Vult“ im Pentagon: Sakrale Rechtfertigung US-amerikanischer Machtpolitik

Die praktische Anwendung dieser Theologie zeigt sich in einer erschreckenden Radikalität. Pete Hegseth trägt Symbole wie das Jerusalemer Kreuz und die Parole „Deus Vult“ – lateinisch für „Gott will es“ – nicht nur als Tätowierungen auf der Haut, sondern trägt diese Mentalität direkt in das Kriegsministerium. Während einer Gebetsstunde im Pentagon am 26. März forderte er explizit „überwältigende Gewalt“ gegen jene, die „keine Gnade verdienen“. Hier wird die Eschatologie – die Lehre von den letzten Dingen und dem Ende der Welt – zur außenpolitischen Leitlinie. Evangelikale Berater wie Paula White-Cain verklären den Krieg im Nahen Osten zu einem notwendigen Vorspiel für die Rückkehr Christi. In diesem Weltbild ist Leid nicht mehr tragisch, sondern eine göttliche Notwendigkeit zur Erfüllung prophetischer Ereignisse. Diplomatie gilt dementsprechend als Hindernis für einen göttlichen Plan, rationales Handeln wird damit unmöglich und unnötig gemacht.

Diese Instrumentalisierung des Glaubens provoziert selbst innerhalb der Kirche Widerstand. Papst Leo XIV. kritisierte diese Entwicklung scharf und hielt der US-Regierung unter Berufung auf den Propheten Jesaja entgegen: „Eure Hände sind voller Blut.“ Gott erhöre die Gebete derer nicht, die Krieg führen. In einem für den Vatikan außergewöhnlichen Schritt, den Beobachter als „nuklearen Button“ bezeichneten, forderte der Papst die Bürger direkt dazu auf, ihre Kongressabgeordneten zu kontaktieren, um gegen den Krieg zu intervenieren. Dieser Appell zeigt, dass die Kirchenhierarchie sich gezwungen sieht, in den demokratischen Prozess einzugreifen, da der Staat seine traditionelle Rolle als ausgleichende Instanz aufgegeben hat. Während die US-Administration den Krieg als „göttlichen Plan“ darstellt, entlarvt die materialistische Kritik dies als ideologische Verschleierung realer politischer Interessen: Ein Soldat wird hier als unfreiwilliger Märtyrer für eine apokalyptische Vision in den Kampf geschickt.

Warum betet der Arbeiter? Die materiellen Wurzeln der US-Frömmigkeit

Es stellt sich die Frage, warum diese Botschaften gerade in der US-Arbeiterklasse auf so fruchtbaren Boden fallen. Die Antwort liegt in der soziologischen Besonderheit der USA, die W.E.B. Du Bois 1935 in seiner Analyse der sozialen Spaltung präzise darlegte. Er beschrieb, wie eine echte Klassenidentität durch den künstlich geschürten „Rassenkrieg“ und den „psychologischen Lohn“ der weißen Überlegenheit systematisch verhindert wurde. Hinzu kommt das Versprechen des „American Dream“, das Abraham Lincoln 1860 so formulierte, dass der Arbeiter darauf hoffe, „nächstes Jahr als Arbeiter angestellt zu werden, sich anschließend selbstständig zu machen und schließlich Leute einstellen kann, die für ihn arbeiten.“ Dies ist eine kleinbürgerliche Falle; sie hindert den weißen Arbeiter daran, im schwarzen “Unterproletarier” seinen Mitstreiter zu sehen.

Zusätzlich treibt die existenzielle Unsicherheit den Arbeiter in die Arme der Religion. In einem Land, in dem soziale Bankrottstatistiken und plötzliche Armut den Alltag bestimmen, erzeugt die „Angst vor der blind wirkenden Macht des Kapitals“, wie Lenin es ausdrückte, Götter. Wenn der Staat keinen sozialen Schutz bietet, bleibt die Kirche die einzige Gemeinschaft in einer feindseligen Umwelt. Die herrschende Klasse nutzt diese Abhängigkeit aus, indem sie den Kampf um bessere Lebensbedingungen in einen kulturellen Kreuzzug umdeutet. Der Arbeiter betet nicht aus Unwissenheit, sondern weil die soziale Realität des US-Kapitalismus ihm kaum einen anderen Raum für Würde und Trost lässt.

Kritik als Befreiung: Die Lehren von Lenin und Trotzki

Der Umgang mit diesem religiösen Nebel erfordert eine präzise politische Strategie. Leo Trotzki betonte in seiner Auseinandersetzung mit James Burnham (1940), dass die Dialektik die „Logik der Entwicklung“ sei – ein wissenschaftliches Werkzeug, um die Welt in ihrer Veränderung zu begreifen, anstatt sie durch mystische Vorurteile zu verzerren. Ein Marxist darf kein „Hexenmeister“ sein, der sich auf Instinkte verlässt, sondern muss die Welt durch rationale Analyse durchdringen. Während die Sozialdemokratie Religion gegenüber dem Staat als „Privatsache“ deklariert, muss sie innerhalb der revolutionären Bewegung als ideologisches Hindernis für das Klassenbewusstsein bekämpft werden.

Dennoch mahnte Lenin zur taktischen Klugheit: Atheistische Propaganda darf niemals den realen Klassenkampf ersetzen. Es wäre ein Fehler, die religiöse Frage an die erste Stelle zu rücken und damit die Massen zu spalten. Nur die „Einheit des revolutionären Kampfes“ klärt die Menschen wirklich auf. Erst im gemeinsamen Handeln gegen die materiellen Ursachen der Unterdrückung wird der religiöse Schleier fallen. Die Befreiung des Bewusstseins gelingt nicht durch abstrakte Predigten, sondern durch die radikale Veränderung jener ökonomischen Verhältnisse, die den „geistigen Fusel“ überhaupt erst notwendig machen.

Kampf gegen religiösen Wahn ist Kampf gegen die kapitalistische Logik

Die religiöse Aufladung der US-Politik ist ein Alarmzeichen. Wenn strategische Vernunft durch eschatologischen Wahn ersetzt wird, ist die Zivilisation in Gefahr. Diese Ideologie dient dazu, die Zerstörung ganzer Gesellschaften als göttliches Vorzeichen zu akzeptieren. Eine Rückkehr zur rationalen, materialistischen Analyse ist daher die einzige Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Wir müssen erkennen, dass der Kampf gegen den religiösen Wahn untrennbar mit dem Kampf gegen die imperialistische Gewalt und die ökonomische Ausbeutung verbunden ist.

Ziel einer emanzipatorischen Politik darf nicht die Vorbereitung auf ein Jenseits sein, sondern die Schaffung eines „Paradieses auf Erden“. Wir benötigen eine Welt, in der kein Mensch mehr den Trost der Religion braucht, um sein Leid zu ertragen, weil das Leid selbst durch menschliche Solidarität und Vernunft überwunden wurde. Nur durch die radikale Aufklärung über die materiellen Wurzeln unserer Existenz und der daraus abgeleiteten klassenkämpferischen Praxis können wir eine Zukunft gestalten, die nicht auf apokalyptischen Prophezeiungen, sondern auf der Befreiung der Menschheit basiert.