Am Anfang steht der Hinterhalt eines faschistischen Kommandos
Am 14. Februar versucht die faschistische Gruppe Nemesis, einen Vortrag der Juristin und LFI-Abgeordneten palästinensischer Herkunft Rima Hassan am IEP in Lyon zu stören, wobei die Polizei die übliche Nachsicht zeigt. Lyoner Neonazis postieren sich vor der Versammlung einige hundert Meter von Science Po entfernt und greifen die Antifaschisten an, die zurückschlagen.
“ Le Canard enchainé “ enthüllt Bilder von den Vorfällen, die sich vor Beginn der Versammlung, mehrere hundert Meter von Science Po entfernt, ereignet haben. Wenn man dieses kurze Video genau analysiert, kann man 13 Antifaschisten zählen, die von 16 rechtsextremen Aktivisten angegriffen werden. Es ist also die Gruppe von Deranque, die in der Überzahl ist. Vor allem aber ist die Neonazigruppe in diesem wenige Sekunden dauernden Ausschnitt ganz in Schwarz gekleidet, die meisten Gesichter sind maskiert, sie benutzen eine Gasflasche und Schlagstöcke, während die Gruppe, die nur mit den Fäusten zurückschlägt, helle und farbenfrohe Kleidung trägt. Dieses Detail ist nicht unbedeutend: Es zeigt, dass es die Gruppe von Quentin Deranque war, die auf den Kampf vorbereitet war, während die Antifaschisten scheinbar überrumpelt wurden. Sie hatten keinerlei defensive oder offensive Ausrüstung und ihre Kleidung war erkennbar. Eine Gruppe, die mit dem Plan gekommen ist, zu kämpfen, würde sich nicht so präsentieren. (Contre Attaque, 17. Februar)
Mehrere Stunden später, viel weiter vom Ort der Auseinandersetzung entfernt, versorgen die Rettungskräfte Deranque, der kurz darauf stirbt.

Ein freundlicher Christ, der immer hilfsbereit ist?
Er war ein christlicher Fundamentalist, ehemaliges Mitglied der faschistischen Organisation Action française, der später zu den sich „ identitär “ nennenden GruppenAllobroges und Audace Lyon (ehemals Bastion social) übergelaufen ist.
Im Mai 2025 nahm Deranque in Paris an der jährlichen faschistischen Demonstration des „Komitees des 9. Mai“ teil, zusammen mit den “ identitären “ Gruppen aus Lyon.
Wie immer und überall genießen die Faschis*innten Komplizenschaft innerhalb der Polizei und des Militärs. Im Gegensatz zu den 1930er Jahren haben die faschistischen Banden in Frankreich (GUD, Cocarde, AF usw.) heute keine Massenbasis, aber sie unterhalten enge Verbindungen zu den rassistischen bürgerlichen Parteien UDR, RN und Reconquista. Sie werden durch die Wahlerfolge der RN, die militaristische Propaganda der Regierung und der großen Medien immer mehr ermutigt.
Am Samstag, dem 14. Februar, strahlte der französische Fernsehsender TF1 in seinen Nachrichten die „schockierenden“ und dekontextualisierten Bilder aus, die anschließend überall übernommen wurden. Sie wurden als Videoaufnahmen eines Anwohners präsentiert und zeigten „fünfzehn Personen mit schwarzen oder hellen Jacken, mehrere davon vermummt, die auf drei am Boden liegende Personen einschlugen“, so der Sender. Am nächsten Tag befragte “ Libération “ denselben Zeugen, Maxime, der erklärte, dass er nicht nur ein, sondern zwei Videos gefilmt habe. Ein erstes Video vom Beginn der Auseinandersetzung und ein zweites vom Ende, als die Schläge gegen je,amdem am Boden geführt wurden. Der Zeuge erklärte, dass TF1 sich dafür entschieden habe, nur das zweite Video auszustrahlen und nicht das Video, “ in dem man sieht, wie sich zwei Gruppen gegenüberstehen „. Diese redaktionelle Entscheidung ist schwerwiegend: Es handelt sich um eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit. Die Redaktion von TF1 hatte den Beweis, dass es sich um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen handelte, präsentierte der Bevölkerung aber ein verkürztes Stück der Szene und ließ sie glauben, es handele sich um einen grundlosen Angriff auf eine einzelne Person. (Contre attaque, 17. Februar)
Die „reformistischen“ Arbeiterparteien ehren den Nazi zusammen mit allen bürgerlichen Parteien
Am 14.Februar greifen Faschisten nach der Bekanntgabe von Deranques Tod die Räumlichkeiten der LFI in Metz, Lille, Tours, Belfort usw. an. In Lyon verwüsteten sie die Koba-Moschee im Croix-Rousse, die anarchistische Buchhandlung La Plume Noire und das Lokal von Solidaires.
Am 15. Februar beschuldigte der Innenminister die Junge Garde, die ohne Unterstützung der Gewerkschaften oder der Arbeiter*innenparteien eine Art isolierten Guerillakrieg gegen die faschistischen Schlägertrupps führte.
Am 16. Februar kündigt der Minister für Hochschulbildung an, dass er die Meinungsfreiheit in der Hochschulbildung einschränken wird. Die Gleichstellungsministerin verteidigt in Israel den von der Abgeordneten Yadan eingebrachten Gesetzentwurf, der Antizionismus besser mit Antisemitismus gleichsetzen soll.
Am 17. Februar erheben sich auf Initiative der UDR (der Fraktion der LR, die sich bereits der faschistischen Partei RN angeschlossen hat) alle Abgeordneten im Plenarsaal der Nationalversammlung und legen eine Schweigeminute ein, um den Faschisten zu ehren.
Die Versammlung steht für eine Hommage an einen Nazi der faschistischen Gruppe Luminis Paris, die heute seine Liebe zum „Kampf auf Leben und Tod “ begrüßt! Jedes Jahr im Februar ehrt dieses Kollektiv die faschistischen Randalierer vom 6. Februar 1934 (die bei einem Angriff auf die Nationalversammlung 14 Todesopfer hinnehmen mussten) und Brasillach, einen scharfen Antisemiten, der bis 1939 in der Action française war und von 1940 bis 1944 an Pétains Verbot von Streiks und Gewerkschaften, der Abschaffung der Wahlen und des Parlaments sowie an der von der französischen Polizei und der Gestapo gegen die Arbeiter*innenparteien geführten Repression und der Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen mitarbeitete. Brasillach wurde 1945 von der Regierung de Gaulle erschossen … wo die heutige LR ihre Ursprünge hat.
Sobald die Kapitulation der Reformisten sichtbar ist, wirft Wauquiez (LR) in den Saal: „Die extreme Linke hat Blut an den Händen„.
Keine Schweigeminute für Hichem Miraoui, einen tunesischen Friseur, der im Juni 2025 von seinem rassistischen Nachbarn ermordet wurde. Keine Schweigeminute für Federico Martin Aramburu, der 2022 von dem Neonazi Loïk le Priol mit Schüssen in den Rücken ermordet wurde. Keine Schweigeminute für Mahamadou Cissé, der im Dezember 2022 von einem rassistischen Rentner mit einer Kugel aus einer Schrotflinte ermordet wurde. Keine Schweigeminute für Djamel Bendjaballah, einen Familienvater, der von Jérôme Decofour, einem Mitglied der Patriotischen Französischen Brigade, überfahren wurde. Keine Schweigeminute für Angela Rostas, schwangere Roma-Frau, die mit einer Gewehrkugel ermordet wurde. Keine Schweigeminute für Ismaël Aali, der im Januar 2026 in der Nähe von Lyon Opfer eines rassistischen Mordes wurde.
Die Arbeiter*innenbewegung beugt sich der Offensive der Reaktion.
Die Führung der CFDT ruft dazu auf, die Antifaschist*innen schnell zu verurteilen, die anderen Gewerkschaftsführungen glänzen durch Sprachlosigkeit. Alle reformistischen Parteien (PS, PCF und LFI), die zur Wahl von Chirac und zur Wahl von Macron aufgerufen hatten, um „die extreme Rechte zu blockieren„, huldigen einem Element der faschistischen Bewegung, die seit Jahren in Lyon und anderswo Araber und Schwarze, Arbeiter*innenaktivisten und Lokale der Arbeiter*innen angreift und seit 2022 11 Opfer verursacht, ohne dass die Nationalversammlung sie ehrt.
Die PS „unterstützt die Familie und die Angehörigen des Opfers„, Mélenchon ebenso: „Wir drücken unsere Empathie und unser Mitgefühl für die Familie, für die Angehörigen aus“ (15. Februar). Der ehemalige Minister Mélenchon hielt sich für schlau genug, um auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu können. Er sprach von einer “ Revolution „, aber es war ein Scherz von Revolution, eine „Bürgerrevolution“, die durch einfache Stimmzettel erreicht wurde. Er verteidigte die Palästinenser, akzeptierte aber Israel. Er protestierte gegen das Verbot der „Jeune Garde“, vertraute aber der Polizei. Die LFI spielte in den Stadtvierteln und an den Hochschulen den Pazifisten, während sie im Parlament den Militarismus noch steigerte. Die reformistischen Tricks gehen nach hinten los.
LFI-Chefs unterwerfen sich
Angesichts der entfesserlten medialen und politischen Hetze beeilen sich die panischen Führer der LFI, sich zu fügen, und verurteilen jegliche Gewalt: „Das ist niemals die Lösung“ (Éric Coquerel, 17. Februar); „Ich habe Dutzende Male gesagt, dass wir Gewalt ablehnen und bekämpfen“ (Jean-Luc Mélenchon, 15. Februar); „Sie werden niemals eine Erklärung von irgendwem bei La France insoumise finden, die Gewalt propagiert“ (Manuel Bompard, 17. Februar).
Hätte die Pariser Kommune nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, daß sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat? (Friedrich Engels, Über die Autorität, 1872)
Wenn der politische Kampf der Arbeiterklasse gewaltsame Formen annimmt, wenn die Arbeiter an Stelle der Diktatur der Bourgeoisie ihre revolutionäre Diktatur setzen, dann begehen sie das schreckliche Verbrechen der Prinzipienverletzung, weil sie um der Befriedigung ihrer kläglichen profanen Tagesbedürfnisse willen, um der Brechung des Widerstandes der Bourgeoisie willen, dem Staate eine revolutionäre und vorübergehende Form geben, statt die Waffen niederzulegen und den Staat abzuschaffen. (Karl Marx, Der politische Indifferentismus, 1873)
Indem PS, PCF und LFI jede „Gewalt“ verurteilen, überlassen sie ihr Monopol faktisch der Bourgeoisie und ihrem Staat.
LO zieht den Kopf ein
Der LO-Apparat mit seinen 100 politischen Funktionären und Dutzenden von Gewerkschaftsfunktionären erweist sich der kleinen, von Freiwilligen gestalteten Seite Contre attaque als weit unterlegen.
Nach zweitägiger Bedenkzeit spielte das politische Büro von LO die Angelegenheit herunter und sah darin lediglich eine“Wahlkampf „-Auseinandersetzung anlässlich eines „tragischen Todesfalls“ (sic) zwischen einerseits „einem großen Teil der politischen Klasse, von der PS bis zur RN“ und andererseits ihrem „ Konkurrenten “ LFI (LO, 16. Februar).

Es gibt keine „politische Klasse„, sondern soziale Klassen (an den beiden Polen der Gesellschaft die Bourgeoisie und das Proletariat, dazwischen kleinbürgerliche Klassen). Es gibt keine „Linke„, sondern unnatürliche Bündnisse der aus dem Proletariat hervorgegangenen Parteien mit bürgerlichen Parteien, die als besser als die anderen dargestellt werden (die Radikale Partei 1935, General de Gaulle 1940, EELV und Place publique 2024). Die aktuelle Kampagne gegen die „extreme Linke“ ist nicht nur ein Wahlkampfmanöver gegen LFI. Sie zielt auf jeden Versuch einer sozialen Revolution ab.
„Tragisch“ ist, dass die opportunistischen Führer der LO mehr als einmal mehr Polizei forderten. “Tragisch“ ist, dass die größte Organisation, die intern behauptet, „leninistisch“ und „trotzkistisch“ zu sein, die herrschende Ideologie („die politische Klasse“, „die Linke“, „die Rechte“, „die extreme Rechte“, „die Gewalt „…) übernimmt.
Der bürgerlich-demokratische Staat schafft nicht nur im Vergleich zum Absolutismus günstigere Bedingungen für die Entwicklung der Werktätigen, sondern er beschränkt auch diese Entwicklung durch die Grenzen der bürgerlichen Legalität, indem er in den Oberschichten des Proletariats opportunistische Gewohnheiten und legalistische Vorurteile künstlich anhäuft und befestigt. (Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus, 1920)
LO versinkt in einer Art Pazifismus („Die Gewalt kommt aus ihrer Gesellschaft„), ohne zwischen der reaktionären Gewalt der Ausbeuter und der unverzichtbaren Gegengewalt der Ausgebeuteten zu unterscheiden.
Aber der Sozialismus ist überhaupt gegen die Gewaltanwendung Menschen gegenüber. Daraus hat jedoch außer den christlichen Anarchisten und Tolstoianern noch niemand gefolgert, dass der Sozialismus gegen die revolutionäre Gewalt sei. Von „Gewalt“ schlechthin reden, ohne die Bedingungen zu analysieren, die die reaktionäre von der revolutionären Gewalt unterscheiden, heißt also ein Spießbürger sein, der die Revolution verleugnet, oder heißt einfach sich selbst und andere durch Sophistik betrügen. (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, 19, 1918)
Für die Selbstverteidigung der Arbeiterbewegung, der lernenden Jugend und der Unterdrückten
Die Erste Republik entstand aus einem bewaffneten Aufstand der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Die 5. Republik entstand aus einem reaktionären Staatsstreich des französischen imperialistischen Generalstabs.
Genug des Jammerns über den Aufstieg „rechtsextremer Ideen“ … ohne zu sehen, dass es Verrat ist, der den Aufstieg offen rassistischer bürgerlicher Parteien und die Vorbereitung eines bevorstehenden Krieges zwischen imperialistischen Mächten erleichtert. Verrat der sogenannten „reformistischen“ Arbeiter*innenparteien, wenn sie an die Regierung kommen, ebenso wie der Gewerkschaftsführungen bei Regierungsangriffen.
Heute stürzen alle herrschenden Klassen den Planeten in die Klimakatastrophe, fallen in den Protektionismus zurück, bereiten den Krieg vor, machen ausländische Arbeiter*innen oder Anhänger*innen von religiösen Minderheiten zum Sündenbock, treiben Nationalismus und Klerikalismus voran, schränken die demokratischen Freiheiten ein…
Die französische Bourgeoisie will mithilfe ihres Staates, all ihrer Parteien und Medien den Tod dieses Faschisten nutzen, um die vollständige Unterwerfung der von ihr ausgebeuteten Klasse, der Unterdrückten aufgrund ihrer Nationalität, ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion usw. zu erreichen. Sie setzt auf die Willfährigkeit der Verräterparteien (PS, PCF, LFI…) und auf die Korruption der Gewerkschaftsbürokratien (CFDT, CGT, FO, CFE-CGC, CFTC, UNSA, Solidaires…).
Wenn man den Teufelskreis aus Niederlagen, Spaltung der Reihen der Arbeiter*innen und Demoralisierung stoppen will, muss man eine revolutionäre Arbeiter*innenpartei aufbauen, deren strategische Aufgabe der Sturz des Kapitalismus, die Zerstörung des bürgerlichen Staates und die von der Pariser Kommune 1871 skizzierte Demokratie der Arbeiter*innenräte ist.
Der Klassenkampf wird sich unweigerlich verschärfen. Die Arbeiter*innenklasse muss sich darauf vorbereiten, sich gegen die Gewalt der Konterrevolution zu verteidigen und ihr die revolutionäre Gewalt entgegenzusetzen. Verteidigen wir das unverbrüchliche Recht der Ausgebeuteten und Unterdrückten, sich gegen die bewaffneten Banden des Kapitals zu verteidigen, seien es offizielle (Berufsarmee, Nationalpolizei …) oder inoffizielle (Privatpolizeien von „Sicherheits„-Firmen und faschistische Banden).
Bruch mit allen bürgerlichen Parteien! Verteidigung der LFI gegen die Kampagne der Reaktion! Schutz der Arbeiter*innen vor Bullen und Faschos! Arbeit*innenereinheitsfront der Parteien und Gewerkschaften zum Schutz von Demonstrationen und Streiks, der Räumlichkeiten der Arbeiter*innenbewegung und der Organisationen der Unterdrückten, der Arbeiter*innenviertel!
17. Februar 2026
Groupe Marxiste Internationaliste (Sektion des CoReP)
Beitragsfoto: Screenshot von der Seite Contre Attaque



