Warum die Straße von Hormuz die Arbeiter*innen betrifft

Geopolitik in Zeiten der Konfrontation

Die gegenwärtige Eskalation gegen den Iran ist weit mehr als ein regionaler Brandherd; sie ist Ausdruck einer gefährlichen weltweiten Zuspitzung der politischen und wirtschaftlichen Gegensätze. Was von den Strategen in Washington und Tel Aviv als chirurgischer „War of Choice“ geplant war, um analog zur gescheiterten „venezolanischen Lösung“ einen schnellen Regimewechsel  in Teheran herbeizuführen, erweist sich als geopolitisches Debakel. Der Iran ist mit seinen 90 Millionen Einwohnern und einer bis an die Zähne bewaffneten Staatsmacht kein wehrloses Ziel. Diese Aggression ist kein Zufall, sondern ein Symptom für das verzweifelte Streben nach der Kontrolle über strategische Einflusszonen.

Karikatur Trump: Ruf nach Pannendienst
„Krieg ist gewonnen“, „US-Navy wird die Tanker begleiten“, „wir schaffen das allein“, „die Verbündeten sollen uns gefälligst helfen“ – die wirren Äußerungen Trumps zeigen, wie sehr die US-Imperialisten ihre ehemaligen Alliieerten vergrätzt haben

Imperialismus bedeutet nicht allein territoriale Expansion, wie Kommentatoren der großen Nachrichtenportale gerne verkürzt meinen, sondern die Herrschaft des Finanzkapitals über die Ressourcen der Welt. Für Marxist*innen eine Selbstverständlichkeit, für die ideologischen Schildknappen der Herrschenden offiziell nach wie vor ein Rätsel. Wenn diplomatische Subversion versagt, greifen imperialistische Mächte zur militärischen Gewalt, um den Zugriff auf die wichtigsten Zentren der globalen Produktion zu sichern. Diese Dynamik findet ihre gefährlichste Zuspitzung an einer geografischen Engstelle, die nun zur physischen Manifestation einer tieferliegenden ökonomischen Notwendigkeit wird: der Straße von Hormuz.

Die Straße von Hormuz: Die Halsschlagader der Weltwirtschaft

Die Straße von Hormuz fungiert als das zentrale Nadelöhr des Weltkapitalismus. Eine Blockade – provoziert durch die imperialistische Aggression – wirkt wie ein Infarkt im Kreislauf des globalen Warenverkehrs. Die bloße Bedrohung der Schifffahrt hat die Versicherungsprämien bereits in astronomische Höhen getrieben und den physischen Handel faktisch gelähmt. Hier steht weit mehr als nur das Öl der Golfstaaten auf dem Spiel.

Die Versorgungsrisiken betreffen zwei kritische Rohstoff-Säulen:

  • Erdöl und LNG: Ein Fünftel des weltweiten Handels passiert diese Passage. Da der Irak seine Terminals bereits schließen musste und die Straße effektiv dicht ist, reagiert der Markt panisch. Preisprognosen reichen von 95 $ bis zu 150 $ pro Barrel, was einem Versorgungs-Schock gleichkäme, der die Krise der späten 1970er Jahre in den Schatten stellen könnte.
  • Helium: Katar deckt 36 % des Weltmarktes ab. Da dieses Helium fast ausschließlich über die LNG-Infrastruktur durch Hormuz exportiert wird, ist dieser Markt unmittelbar betroffen.

Helium ist kein Nischenprodukt. Ohne dieses Gas kollabieren die Lieferketten für MRT-Scanner im Gesundheitswesen, die Halbleiterfertigung (Chips), die Raumfahrt und die Glasfaserproduktion. Eine Blockade bedeutet hier den technologischen Stillstand für High-Tech-Industrien. Diese physische Lähmung ist die direkte Konsequenz einer ökonomischen Logik, die in den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus wurzelt.

Imperialismus und die Logik der Krise

Die aktuellen Ereignisse sind keine geopolitischen Unfälle, sondern Bestätigungen der Theorien von Marx und Lenin. In einer Welt, die von Monopolen und dem Finanzkapital beherrscht wird, drängt das System unweigerlich zur gewaltsamen Neuaufteilung der Ressourcenräume.

Der von Lenin als eines der Merkmale des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium analysierte Kapitalexport ist keine Frage bloßer Investitionen, er ist Ergebnis der systemischen Notwendigkeit, überschüssiges Kapital, das im Inland keine profitablen Anlagemöglichkeiten mehr findet, in rohstoffreiche Regionen zu exportieren.

Das Kapital steht unter dem Zwang zur ständigen Expansion. Aktuell droht das Platzen der künstlich aufgeblähten „KI-Blase“. Investoren fliehen daher aus dem virtuellen Finanzsektor zurück in die physische Kontrolle über Rohstoffe. Die Aggression gegen den Iran ist der Versuch, durch Ressourcenkontrolle einer drohenden Entwertung des Kapitals zu entkommen.

Diese theoretische Dynamik führt zu realen, schmerzhaften Konsequenzen für die Arbeiter*innenklasse im Weltmaßstab.

Drohende Stagflation und globale Destabilisierung

Wir steuern auf eine globale Stagflation zu – eine toxische Mischung aus stagnierendem Wachstum und galoppierender Inflation. Die imperialistische Aggression ist ruinös: Die USA verbrennen über eine Milliarde Dollar pro Tag. Das ist eine Summe, die nicht einmal die Wirtschaft des mächtigen US-Imperialismus locker verkraften kann. Zugleich schwächt das die militärischen Kapazitäten der USA auf anderen Krisenherden, insbesondere der Ukraine. Mit Sorge warnt der bürgerlich-reaktionäre ukrainische Präsident Selenskyj bereits vor dem Versiegen der Mittel, da der Iran-Krieg die Logistik der Hegemonialmacht aufzehrt. Kommentatoren einflußreicher US-amerikanischer Thinktanks warnen, dass der große Konkurrent China diese Phase der amerikanischen Ablenkung nutzen könnte, um seine eigene Position im indopazifischen Raum zu festigen.

In den USA stieg die Arbeitslosigkeit bereits auf 4,4 %, wobei 92.000 Jobs allein im Februar verloren gingen. Besonders hart trifft es Schwellenländer wie Indien: Jede Erhöhung des Ölpreises um 10 $ weitet Indiens Leistungsbilanzdefizit um 0,5 % aus und reduziert das Wirtschaftswachstum um 0,3 %.

Die Prognosen sind alles andere als rosig: sollte der Krieg ein „kurzer Konflikt“ werden, also „nur“ einige Wochen dauern, rechnen die Börsenmakler mit einem Anstieg der Ölpreise auf etwa 95 USD/Barrel ($/bbl). Zieht sich der Konflikt über Monate, könnte der Preis bis auf 150 $/bbl hochschnellen. Das würde auch den Aufstieg der chinesischen Wirtschaft bremsen. Die optimistischsten Schätzungen der bürgerlichen Ökonomen gehen derzeit von einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums weltweit von 3,2% auf 3% aus. Skeptiker unter ihnen rechnen mit einer schweren Rezession, inklusive starker Stagflation. Die Inflation könnte dauerhaft hoch bleiben.

Das Kapital reagiert auf diese Destabilisierung mit einer „Flucht in die Sicherheit“ und ordnet die Ressourcenlandkarte neu.

Suche nach neuen Ressourcenräumen

Geopolitische Instabilität definiert den Wert von Ressourcen in „stabilen Regionen“ neu. Im Helium-Markt findet eine fundamentale Verschiebung statt: Weg vom „By-product“-Helium aus krisenanfälligen LNG-Anlagen (Katar) hin zu „Primärquellen“, die unabhängig von der Erdgasförderung funktionieren. Helium ist essenziell für die Halbleiterfertigung, Glasfaseroptik und Luft- und Raumfahrt. Da China in diesen Bereichen weltweit führend ist bzw. eine Führungsrolle anstrebt, trifft eine Blockade der Meerenge das Land an einem strategischen Nervenpunkt.

Investoren setzen nun auf Projekte, die geografisch von der Straße von Hormuz entkoppelt sind: Firmen wie Pulsar Helium profitieren massiv, da ihr Flaggschiff-Projekt „Topaz“ in Minnesota (USA) in einer „stabilen Jurisdiktion“ liegt und Helium in Konzentrationen bietet, die weit über kommerziellen Schwellenwerten liegen. Alternative Marktakteure wie Helium One (Tansania/USA), Helix Exploration (Montana) und Mendell Helium (Kansas/Oklahoma) werden zu strategischen Hoffnungsträgern für industrielle Abnehmer, die Versorgungssicherheit über den Preis stellen müssen. Dies könnte den expandierenden chinesischen Imperialismus technologisch isolieren, da der Westen seine eigene Helium-Sicherheit durch Projekte in Nordamerika oder Australien (z. B. durch Firmen wie Helix Exploration oder Georgina Energy) stärkt.

Diese Projekte repräsentieren den Versuch des Kapitals, sich aus der geografischen Klammer des Mittleren Ostens zu lösen und die Stabilität der globalen Produktion zu sichern. 

Zerstören wir das zerstörerische System!

Die Aggression gegen den Iran stellt die US-Administration vor eine klassische „Hobson’s Choice“ – eine scheinbare Wahlmöglichkeit, bei der es in Wahrheit keine Alternative gibt – man nimmt, was angeboten wird, oder gar nichts („Friss oder stirb“). Entweder akzeptiert Trump einen demütigenden Waffenstillstand, der das iranische Regime unangetastet lässt und die imperiale Autorität untergräbt, oder er riskiert einen ruinösen Bodenkrieg. Letzterer würde nicht nur unzählige amerikanische Leben kosten, sondern durch die ökonomische Zerstörung die kommenden Midterm-Wahlen für die Republikaner zur Katastrophe machen.

Die Krise verschärft die Widersprüche des globalen Kapitalismus, statt sie zu lösen. Während sich das Kapital in sichere Häfen und neue Ressourcenräume rettet, zahlen die arbeitenden Massen und die Jugend die Zeche durch Inflation und Arbeitslosigkeit. Es ist unerlässlich, die ökonomischen Interessen – den Drang nach Rohstoffkontrolle und Profitmaximierung – hinter den geopolitischen Manövern zu erkennen. Am Ende geht es nicht um Demokratie, sondern um die Kontrolle der Hauptadern einer Weltwirtschaft, die zunehmend an den ihr innewohnenden Gegensätzen erstickt. Der zwangsläufig ständig zunehmenden gesellschaftlichen Produktion steht die individuelle Aneignung der Gewinne durch eine immer kleiner werden Schicht von Kapitalist*innen gegenüber, die ihre Herrschaft mit Zähnen und Klauen verteidigt. Die Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ ist in den letzten Jahren zu einer Realität geworden, welche die Menschheit mehr oder minder offen begleitet. Sie erfordert den zähen und entschlossenen Kampf für den Aufbau neuer revolutionärer Arbeiter*innenparteien und einer neuen revolutionären Arbeiter*inneninternationale, um das Rad herumzureißen, bevor der Kapitalismus die Menschheit in den Abgrund reißt.